Samstag, 14. September 2013

Taktikanalyse Austria Lustenau gegen SV Mattersburg

Das Spitzenspiel der letzten Runde im ersten Viertel der zweithöchsten Spielklasse versprach eigentlich eine recht interessante Partie zu werden, wurde jedoch vor allem in der zweiten Hälfte zu einem Schaulaufen. Dennoch können einige durchaus interessante taktische Aspekte aufgezeigt werden.

1. Die Formationen

 

Beide Teams traten in der formal gleichen Formation auf; vor der Viererabwehrkette spielten zwei Sechser, hinter einer Solospitze wurde eine offensive Dreierkette aufgeboten. Bei den Hausherren wurde dieses System jedoch viel flexibler und moderner interpretiert als bei den Gästen, die sehr starr die Positionen hielten und das Spiel generell wie eine typische Auswärtsmannschaft anlegten. Dabei ging es vor allem darum, nicht wieder drei Gegentore zu bekommen wie in den bisherigen drei Auswärtspartien, weshalb mit Seidl auch ein gelernter Sechser vor den beiden Abräumern Prietl und Lovin spielte. Dieser Plan ging jedoch innerhalb von nur 25 Minuten in der ersten Halbzeit ordentlich in die Hose.



Graphik 1: Die Startformation von Austria Lustenau


Während Austria-Coach Kolvidsson ein im Vergleich zum Vorjahr runderneuertes Team auf den Platz schickte mit nicht weniger als acht Neuzugängen in der Startelf, war beim SV Mattersburg kein Feldspieler in der Anfangsformation, der im Abstiegsjahr keine Bundesligaerfahrung gesammelt hätte. Torhüter Thomas Dau hat als einziger noch kein Bundesligaspiel bestritten, ihm kann man die klare Pleite jedoch am wenigsten ankreiden. An mangelnder Erfahrung kann es also nicht gelegen haben, dass die Mattersburger das Spiel deutlich verloren und über das ganze Spiel zu keiner zwingenden Torchance im Strafraum kamen.



Graphik 2: Die Startformation des SV Mattersburg

2. Die Spielanlagen 

 

Die ersten zehn Minuten ließen bereits die Spielanlagen der beiden Mannschaften erkennen; die Hausherren setzten auf Ballbesitz im Mitteldrittel und ließen sich von Mattersburg erst einmal nicht aus der Reserve locken. Die Gäste positionierten sich enorm tief und standen grundsätzlich nur (mit zeitweiliger Ausnahme von Stoßstürmer Klemen) in der eigenen Hälfte. Bei Balleroberung in der eigenen Hälfte wurde der Ball meist weit und hoch nach vorne gespielt und sollte vor allem von Klemen weiterverarbeitet werden, der dafür auch oft auf die Seiten auswich. Aufgrund zu langsamen Vorrückens seiner Mitspieler fand er jedoch wenig Anspielstationen und wenn, dann fehlte er oft bei deren Hereingaben in der Mitte. Dazu kamen in vielen vielversprechenden Kontermöglichkeiten mangelnde Präzision im Zuspiel und technische Mängel bei der Ballannahme. Deshalb kam Mattersburg in Halbzeit 1 nur zu einem einzigen ernstzunehmenden Torschuss, und das erst beim Stand von 3:0.

Lustenau hielt den Ball hingegen in den eigenen Reihen und positionierte sich hoch, ohne anfänglich viel Risiko zu nehmen. Interessant war vor allem das kollektive Positionsspiel, das die Gastgeber praktizierten. So kippte situationsbedingt einer der beiden Sechser Fall oder Bolter nach hinten ab, um mit den beiden Innenverteidigern eine Dreierkette zu bilden. Diese Vorgehensweise ist zwar nicht neu und wird beispielsweise vom FC Barcelona schon seit Jahren praktiziert, interessant ist allerdings, das dafür keiner der beiden Sechser fix vorgesehen ist, sondern situationsbedingt einer der beiden in diese Rolle schlüpft. Die Dreierkette bot den Außenverteidigern die Möglichkeit, weit nach vorne zu schieben und mit den offensiven Außenstürmern offensive Pärchen zu bilden, womit die beiden Mattersburger Außenverteidiger in Hälfte 1 häufig überfordert waren. Vor allem der ballferne Außenverteidiger positionierte sich weit vorne, was seinem Kollegen auch die Möglichkeit gab, einzurücken, woraus beispielsweise das 3:0 durch Schreter resultierte.


Sehr flexibel wurden die Positionen wiederum von den zentralen Offensivspielern Thiago und Salomon interpretiert; sie orientierten sich sowohl auf die Flügel, um dort Anspielmöglichkeiten zu bieten und Überzahlsituationen zu schaffen, rochierten aber auch miteinander sehr viel, wodurch sie von der Mattersburger Defensive, trotz deren prinzipieller Überzahl im Zentrum, nie in den Griff bekommen wurden.


Auf den seltenen Ballbesitz der Burgenländer reagierten die Gastgeber mit aggressivem Pressing, vor allem ab dem Mitteldrittel und dahinter. Obwohl das Pressing nur selten kollektiv und systematisch angewandt wurde, bekam es den Mattersburgern gar nicht. Einerseits verloren sie viele Bälle schnell wieder, ohne Gefahr kreieren zu können, andererseits waren sie nach den Ballverlusten defensiv völlig unorganisiert, was die Tore zum 2:0 und 3:0 verursachte. Auch die Standardsituation, die dem 1:0 voranging, resultierte aus einer schnellen Balleroberung Lustenaus in der gegnerischen Hälfte und einem deshalb notwendig gewordenen taktischen Foul. Nach dem 4:0, das zwar insgesamt auch durch viel Pech für Mattersburg verursacht wurde, allerdings wiederum wie das 1:0 enorme Schwächen bei der Zuordnung bei Defensivstandards offenbarte, war das Spiel de facto entschieden.

3. Zweite Halbzeit 

 

Mattersburg-Coach Tatar reagierte naturgemäß auf die inferiore Leistung seiner Mannschaft in der ersten Hälfte. Statt Lovin brachte er als zweiten Stürmer Pink, Seidl rückte nach hinten und bildete mit Prietl das defensive Mittelfeldduo. Außerdem tauschten Höller und Farkas auf der rechten Seite die Positionen; Höller agierte ab dem als Außenverteidiger, der defensiv in der ersten Halbzeit oft überforderte Farkas agierte offensiver und brachte auch etwas Schwung in das Offensivspiel der Burgenländer, die fortan mit vielen hohen Flanken aus dem Halbfeld auf das Sturmduo agierten, was allerdings auch kaum für Gefahr für das Tor von Knett sorgte. Nicht nur formal, sondern auch strategisch änderte sich das Mattersburger Spiel in der zweiten Hälfte. Man positionierte sich höher und agierte bei gegnerischem Ballverlust konzentrierter und aggressiver, womit man Lustenauer Torchancen weitgehend verhindern konnte, auch weil diese ihr Offensivbemühungen beinahe komplett eingestellt hatten. Das Konterverhalten der Gäste wiederum blieb weiterhin mangelhaft, weiterhin wurden hauptsächlich hohe, weite Bälle nach vorne gespielt, die von den Lustenauern dankbar erobert wurden.



Graphik 3: Die Mattersburger Formation nach den Umstellungen in Halbzeit 2


Mitte der zweiten Halbzeit wurde das Mattersburger System komplett umgestellt; der junge Karanezi ersetzte den kaum präsenten Röcher und reihte sich als Linksverteidiger ein, womit auch auf der anderen Seite die Außenverteidigerposition neu besetzt wurde. Rath spielte dafür fortan offensiver. Außerdem wurde Malic nach vorne gezogen, womit defensiv nur eine Dreierkette übrigblieb. Malic ordnete sich hinter den Stürmern ein und sollte nun selbst die hohen Bälle weiterverarbeiten und auch im Strafraum selbst für Gefahr bei hohen Flanken sorgen, schaffte es allerdings auch nicht, Torhüter Knett ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.


Die Gastgeber wiederum konnten sich in der zweiten Halbzeit schonen. Sie beschränkten sich meist darauf, den Ball möglichst lange in den eigenen Reihen zu halten und wenig Risiko zu gehen. Die durchaus vorhandenen Räume, vor allem nach den erwähnten Umstellungen bei Mattersburg, wurden kaum genützt, man verzichtete fast komplett auf Konter. Stattdessen wurden Kräfte eingespart und darauf geachtet, das Zentrum wie auch schon in Hälfte 1 besetzt zu halten und den Mattersburgern nur die Option der niemals gefährlich werdenden hohen Bälle von der Seite offen zu lassen.


Bild 1: Die Lustenauer Austria im Ballbesitz. Gut zu erkennen: Die Dreierkette mit Fall und den Innenverteidigern sowie das nicht vorhandene Pressing der Mattersburger. Auch wenn diese Situation aus der Schlussphase stammt, kann sie doch als symptomatisch für das gesamte Spiel angesehen werden.


4. Fazit 

 

Durch die vielen Tore, die den Lustenauern innerhalb von nur 25 Minuten in der ersten Hälfte gelangen, konnte aus dem Spiel keine wirklich spannende Partie werden, obwohl sie durchaus interessante Details zu bieten hatte. Hierzu zählen auf Lustenauer Seite die situationsbedingte Dreierkette in Ballbesitz, die hohe Positionierung der Außenverteidiger, die einrückenden Außenstürmer und die flexibel spielenden zentralen Offensivspieler Thiago und Salomon. Mattersburg wiederum setzte auf hohe Bälle und tiefe Positionierung, packte erst Mitte der zweiten Hälfte so etwas wie die Brechstange aus und löste die Viererkette auf. Allerdings konnte dies die Versäumnisse der ersten Halbzeit, vor allem schwaches Konterverhalten und defensive Unordnung, nicht mehr ausgleichen, womit der Lustenauer Sieg auch in dieser Höhe gerecht erscheint. Nach Anlaufschwierigkeiten in der Saison zeigen die Vorarlberger damit, dass sie durchaus bundesligareifen Fußball zeigen können, während für die Burgenländer die Mission Wiederaufstieg in dieser Verfassung keine realistische Möglichkeit zu sein scheint.



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