Donnerstag, 19. Februar 2015

Villarreal CF: Taktisch-statistisches Porträt

Eine schnell umschaltende, im 4-4-2 antretende Mannschaft, die in mancher Hinsicht defensive Probleme hat und deren bester Spieler Soriano heißt. Was sich durchaus nach dem FC Red Bull Salzburg anhört, ist in Wirklichkeit der Villarreal CF, aktuell Tabellensechster der Primera División und Gegner der Salzburger im Sechzehntelfinale der Europa League.

1. Einleitung


Die ganz großen Namen sind nicht mehr dabei. Spieler wie Marcos Senna, Santi Cazorla, Joan Capdevila und Carlos Marchena, durchgängig Welt- und/oder Europameister mit der spanischen Nationalmannschaft, sind spätestens (mit Ausnahme von Senna) mit dem Abstieg 2012 abgegeben worden, genauso wie die ausländischen Nationalspieler Robert Pirès, Nilmar und Giuseppe Rossi sowie andere bekannte einheimische Spitzenkräfte, darunter Diego López und Diego Godín. Von den Spielern, die bereits beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Teams im Herbst 2009 bei Villarreal unter Vertrag standen, sind nur noch Mateo Musacchio und Bruno Soriano, wobei ersterer damals in beiden Spielen nicht zum Einsatz kam. Soriano hingegen spielte beide Male durch. Zum Vergleich: Bei Salzburg sind von damals noch Andreas Ulmer, Christian Schwegler und Christoph Leitgeb übrig und spielen durchaus weiterhin eine wichtige Rolle. 

Trotz des erlittenen Aderlasses spielt Villarreal seit dem direkten Wiederaufstieg 2013 eine gute Rolle in der Primera División. Im Vorjahr konnte der sechste Abschlussrang belegt werden, der zur Teilnahme an der Europa League berechtige. Dabei wurden Teams wie Real Sociedad, Valencia CF und Málaga CF hinter sich gelassen, die zumindest in punkto Durchschnittsmarktwert vor dieser Saison höher eingeschätzt waren. Auch in der heurigen Saison schneidet das Team besser als erwartet ab und belegt wiederum einen Europacupplatz. Außerdem ist man im Gegensatz zu Meister Atlético und Titelverteidiger Real Madrid ins Halbfinale der Copa del Rey aufgestiegen, wo man auf den FC Barcelona treffen wird. Das Hinspiel wird dabei noch vor den beiden Aufeinandertreffen mit Salzburg gespielt werden, das Rückspiel jedoch erst im März.

Das gute Abschneiden ist zum einen darauf zurückzuführen, dass die Lehren aus dem unerwarteten Abstieg 2012, der erst aufgrund turbulenter Ereignisse in den Schlussminuten der letzten Partie jener Saison geschah, gezogen wurden. Der Klub nützte das Jahr in der zweiten Liga zur Katharsis. So wurde etwa die Transferpolitik umgestellt; während der direkte Wiederaufstieg durchaus mit erfahrenen Spielern (wie beispielsweise Wálter Pandiani, Olof Mellberg und Javi Venta) erreicht werden sollte, begann man sukzessive, Spieler unter 25 zu verpflichten (etwa die heutigen Stammspieler Torwart Asenjo, Giovanni dos Santos und später sein Bruder Jonathan, Luciano Vietto, Gabriel Paulista und Tomás Pina). Ältere Spieler wurden hingegen der Reihe nach abgegeben, und die Reihen oft mit Spielern aus der eigenen Reservemannschaft aufgefüllt. Eigenbauspieler wie Moi Gómez, Jaume Costa und Manu Trigueros wurden kontinuierlich an die erste Mannschaft herangeführt und sind dort mittlerweile voll integriert. Daneben wurde immer wieder versucht, Spieler von größeren Klubs auszuleihen (heuer beispielsweise Denis Cheryshev und Víctor Ruiz), um kurzfristig die Qualität zu erhöhen und diese eventuell nach Leihende fix zu verpflichten (wie bei Sergio Asenjo). 

Das Ergebnis dieser Umstrukturierung ist, dass mit dem Einsatz geringer Mittel (der derzeitige Kader kostete insgesamt nur 34,70 Millionen Euro, weit weniger als bei der direkten Konkurrenz um den vierten Championsleagueplatz, nämlich Valencia und Sevilla) eine gute und noch dazu recht junge Mannschaft zusammengestellt werden konnte. Allerdings hat dieser Erfolg natürlich auch negative Auswirkungen; vor allem kann die Mannschaft bei ökonomisch passenden Angeboten relativ schnell wieder auseinanderfallen. Der kürzlich erfolgte Transfer von Gabriel Paulista zum FC Arsenal zeigt schon an, dass größere Klubs an einigen Akteuren Interesse haben. Luciano Vietto und Mateo Musacchio sind die nächsten Spieler, die mit einem Wechsel zu europäischen Topklubs in Verbindung gebracht werden.

Der zweite Erfolgsfaktor neben der Transferpolitik sitzt auf der Trainerbank und wurde ebenfalls in der zweiten Liga dort installiert. Marcelino García war mit Recreativo de Huelva und Real Zaragoza bereits vorher zweimal der Aufstieg in die höchste Spielklasse gelungen, dazu konnte er Racing Santander erstmals in der Klubgeschichte in den Europacup führen. Sein erstes Engagement bei einem größeren Klub, im Jahr vor seiner Bestellung bei Villarreal war er bei Sevilla tätig, endete jedoch nach nur einem halben Jahr aufgrund von Erfolglosigkeit. Bei Villarreal jedoch verpasste er dem Team ein klares Konzept, das auf einer stabilen Defensive und variablen, schnellen Kontern, vor allem durch die vier offensivsten Spieler, beruht. Die Grundformation und die Spielidee wurden seither beibehalten und lediglich in Details verfeinert. Nach der Auftaktniederlage gegen Real Madrid Castilla verlor das Team nur mehr ein Spiel und verbesserte sich vom siebten Platz bei Marcelinos Amtsantritt auf den zweiten am Saisonende, was den direkten Aufstieg in die erste Liga bedeutete.

Wie bereits erwähnt, funktionierte das Konzept auch nach dem Aufstieg in der obersten Liga gut. Die folgenden Zeilen sollen diese Spielanlage näher erläutern, mit Statistiken untermauern und durch einen Vergleich von Daten der Spiele in der Europa League auch in Relation zu jener von Salzburg setzen. Zwar finden sich zwischen beiden Teams einige Gemeinsamkeiten, allerdings sollte man sie doch nicht zu sehr gleichsetzen. Die Daten stammen von öffentlichen Quellen, hauptsächlich whoscored.com und squawka.com; das Bildmaterial kommt von laola1.tv. In allen Unterkapiteln außer dem zur Europa League beziehen sich die Daten lediglich auf die Ligaspiele.


2. Grundformation und allgemeine Spielanlage


Marcelino positioniert sein Team grundsätzlich in einem flachen 4-4-2 (siehe Graphik 1; alle Graphiken können durch Anklicken vergrößert werden), wobei die Spielerauswahl in der Liga meist konstant ist. Lediglich gegen starke Gegner wie Barcelona versucht er bisweilen, die Mitte zu verdichten und stellt hierfür einen dritten zentralen Mittelfeldspieler auf. Auch sonst ist er bei einigen Positionen recht flexibel; so spielt der nach vorne pendelnde Pina statt Trigueros, der die Linie hält und gegebenenfalls seine Mitspieler absichert, im Mittelfeld neben Soriano gegen Gegner, die man noch früher als sonst pressen will. Moi Gómez auf dem rechten Flügel wird hingegen eingesetzt, wenn das Flügelspiel forciert werden soll, da er ein athletischerer und auch dynamischerer Spieler als der meist nach innen dribbelnde Jonathan dos Santos ist.

Soriano ist der absolute Chef und Führungsspieler der Elf, und das zu Recht. Er ist grundsätzlich die erste Anspielstation im Spielaufbau, wobei er enorme Übersicht und Passqualität (mit 82% von insgesamt etwa 58 Pässen pro 90 Minuten hat er die höchste Erfolgsquote nach Innenverteidiger Dorado) beweist. Zuspiele auch über weite Distanzen kommen verlässlich beim Mitspieler an; selbst von weiten Pässen (länger als 23 Meter) bringt er 63% an den eigenen Mann, wobei er nur von Jonathan dos Santos übertroffen wird (72%), der es allerdings auch viel seltener versucht. Seine Stärke kommt auch zum Tragen, wenn er unter Druck gesetzt wird. Er ist als einer der wenigen Defensivspieler enorm pressingresistent und kann sich durch sein starkes Passspiel (natürlich ohne den Mitspieler durch ein ungenaues oder gefährliches Zuspiel in Gefahr zu bringen) oder Dribblings auch aus Unterzahlsituationen lösen. Nebenbei spielt er auch eine wichtige Rolle im Spiel gegen den Ball und der Strafraumverteidigung. Seine Erfolgsquote bei Tacklings (88%) ist innerhalb der Mannschaft unerreicht, die zweitmeisten abgefangenen gegnerischen Pässe und klärenden Aktionen (jeweils hinter dem abgegebenen Gabriel Paulista) runden das Bild eines beinahe perfekten Spielers ab. Dass er alle Elfmeter tritt, wenn er am Platz steht, wobei er eine 100%ige Erfolgsquote hat, und auch Freistöße in zentraler Lage ganz gut treten kann, sei da nur am Rande erwähnt. 

Er ist ein kompletter Spieler, der eigentlich keine signifikanten Schwächen hat. Dementsprechend ist sein mehrmonatiger verletzungsbedingter Ausfall eine massive Schwächung für Villarreal, da ihn auch keiner der sonst zur Verfügung stehenden Spieler auch nur annähernd ersetzen kann. Pina und Trigueros, die höchstwahrscheinlich die Doppelsechs bilden werden, sind wesentlich eindimensionalere Spieler als es Soriano ist und haben vor allem im Spielaufbau, der technischen Qualität, dem Passspiel und der Übersicht wesentliche Mängel im Vergleich zum Kapitän. Der Debütant vom Spiel bei Rayo Vallecano, Sergio Marcos, wird wohl für einen Startelfeinsatz in der Europa League noch nicht in Frage kommen.

Graphik 1: Grundformation vor dem Verkauf Gabriels und der Verletzung Sorianos. Statt den beiden werden Musacchio und Pina zum Einsatz kommen.

In der Copa und auch in der Europa League wird hingegen regelmäßig rotiert, wovon selbst Soriano nicht verschont blieb; so kamen Ersatztorhüter Juan Carlos und der junge Linksverteidiger Adrián Marín zu einigen Einsätzen auf internationaler Ebene. Antonio Rukavina wiederum kam in allen vier Außenpositionen, also sowohl in der Abwehr als auch im Mittelfeld, bereits zum Einsatz, während das Stammduo im Sturm ohne größeren Qualitätsverlust durch Giovanni dos Santos und Gerard Moreno ersetzt werden kann.

Von Interesse wird vor allem sein, wie der Abgang von Gabriel Paulista, der in Graphik 1 noch zu sehen ist, kompensiert werden kann. Der erste Ersatzmann wäre Mateo Musacchio, der jedoch erst von einer längeren Verletzung zurückgekehrt ist. Ein Teil der Einnahmen durch den Verkauf Paulistas wurden in die Verpflichtung des jungen Ivorers Eric Bailly investiert, der jedoch beim Afrikacup im Einsatz war und erst in die Mannschaft integriert werden muss. Der alternde Dorado wird im Normalfall nicht mehr oft zu sehen sein. Wie ernst Marcelino die Partien gegen Salzburg nimmt, zeigt die Tatsache, dass er zur schwierigen Auswärtspartie bei Rayo Vallecano am letzten Wochenende auf eine komplett umgekrempelte Startelf setzte, was bisher in der Liga nur selten geschah und auch prompt schief ging. Vietto, Trigueros und Cheryshev kamen erst im Laufe der zweiten Halbzeit in die Partie, konnten aber auch die sechste Saisonniederlage nicht mehr verhindern. Musacchio und Costa saßen während der gesamten Partie auf der Bank, Uche und Jonathan dos Santos wurden verletzungsbedingt zu Hause gelassen. Diese beiden werden wohl im Gegensatz zu Soriano gegen Salzburg aber spielen können. 

Nachdem man in Pflichtspielen von November bis Jänner ungeschlagen geblieben war, verlor man bereits drei von vier Partien im Februar. Davon waren zwar zwei gegen den FC Barcelona, der auch beide Male gefordert werden konnte, allerdings auch eine eher schwache Partie gegen den Abstiegskandidaten Granada, der im Finish alles nach vorne warf, um den Ausgleich zu erzielen, was Villarreal nach einer schwachen zweiten Halbzeit das entscheidende Kontertor in der Nachspielzeit ermöglichte. Ob die schwächeren Vorstellungen und Resultate der letzten Wochen grundsätzlich auf Ermüdung und ein vermindertes Leistungsvermögen zurückzuführen sind, oder lediglich der Stärke der Gegner (Barcelona) und der Rotationspolitik Marcelinos geschuldet sind, bleibt abzuwarten; Fakt ist, dass man in allen vier Februarspielen die unterlegene Mannschaft war, sowohl was Ballbesitz (was allerdings nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen für eine Umschaltmannschaft ist) als auch Schüsse auf das Tor betrifft.

Graphik 2: Stärken und Schwächen Villarreals laut der Webseite whoscored.com.

Neben der Startaufstellung ist auch die Spielanlage relativ uniform, wobei einige Spielerrollen durchaus je nach Gegner variiert werden können und das Team sich auch je nach Spielphase taktisch unterschiedlich verhält. Darauf wird in späteren Unterpunkten genauer eingegangen, während es im Folgenden um die generellen Muster geht. Graphik 2 zeigt allgemein die Stärken und Schwächen Villarreals laut der Webseite whoscored.com. Als wichtigste Stärke wird die Fähigkeit, Chancen zu kreieren, genannt. Tatsächlich zeigt sich, dass Villarreal von allen Teams der spanischen Liga am dritthäufigsten auf das gegnerische Tor schießt, wobei nur die beiden Topteams Real Madrid und Barcelona vor ihnen liegen. Fast 14 Schüsse pro Spiel gibt das Team von Marcelino ab. Davon gehen allerdings nur etwa 37% auch auf das gegnerische Tor, was ein eher durchschnittlicher Wert ist. Knapp 14% der Torschüsse enden mit einem Torerfolg, was hinter den beiden Topteams aus Madrid sowie dem FC Barcelona der viertbeste Wert der Liga ist. Dies mag auf den ersten Blick paradox erscheinen; einerseits trifft man vergleichsweise selten auf das Tor, aber recht oft ins Tor. Dies hängt allerdings mit zwei weiteren Charakteristika ihres Spiels zusammen: einerseits dem schnellen Umschalten nach Ballgewinn, andererseits den häufigen Schüssen aus weiten Positionen. So scheint die strategische Vorgabe zu sein, möglichst oft und schnell zu schießen, was natürlich die Schussqualität vermindert. Andererseits sorgt der Konterfokus dazu, dass bei Schüssen, wenn sie innerhalb der Gefahrenzone erfolgen, recht viel Platz vorhanden ist, was wiederum die Erfolgschancen steigen lässt. Dieses Phänomen, wonach Kontermannschaften tendenziell mehr Tore erzielen als erwartet, wurde kürzlich in einem anderen Blog bestätigt. 

Während der generelle Spielstil der Mannschaft sicher als Umschaltspiel bezeichnet werden kann, beherrscht sie jedoch auch den eher abwartenden Stil mit vielen Pässen und tiefer Ballzirkulation. So agiert sie tendenziell oft in den Anfangsminuten einer Partie, um die gegnerische Mannschaft aus der Reserve zu locken und etwaige Schwachstellen zu entdecken. Außerdem gibt es immer wieder zum Ende von Partien Phasen, in denen Mannschaft und/oder Trainer offensichtlich mit dem Ergebnis bereits etwa eine Viertelstunde vor Schluss zufrieden sind und versuchen, das Spiel über Ballkontrolle nicht mehr aus den Händen zu geben.

3. Angriffsspiel


Villarreal ist eine der am schnellsten umschaltenden Mannschaften der Primera División. Die etwa 31 Pässe, die man pro Schuss spielt, werden nur von Almería (28,83) und Real Madrid (30,06) unterboten. Auch insgesamt kommt man so auf sehr viele Abschlüsse; die 304 Torschüsse, die man bisher in der Meisterschaft auf das gegnerische Tor abgegeben hat, sind insgesamt die viertmeisten. Die beiden Topteams aus Madrid und Barcelona sind in dieser Hinsicht uneinholbar, allerdings hat man auf das drittplatzierte Celta de Vigo lediglich zwei Schüsse Rückstand. Dabei wird nicht unbedingt aus jeder Position darauf losgefeuert; man sucht durchaus gute Abschlusspositionen. Gut ein Drittel (37,17%) der Schüsse wurden von außerhalb des Strafraums abgegeben, was ein durchschnittlicher Wert ist. Dennoch schafft man es lediglich 12,17% der abgegebenen Schüsse auch in Tore zu verwandeln, der schlechteste Wert innerhalb der sechs bestplatzierten Teams der Liga.

Eine der Stärken des Teams liegt also auf jeden Fall im Umschaltspiel nach Ballgewinn. Das Um und Auf der Mannschaft ist auch in jenen Situationen Bruno Soriano, der als erste Anspielstation nach tiefem Ballgewinn fungiert. Von ihm aus geht der Ball entweder direkt in die Spitze (bevorzugt auf Uche) oder auf einen der beiden Außenspieler, die sich ursprünglich breit positionieren, um dann in die Mitte zu ziehen. Eher selten ist der direkte Versuch, den Ball aus dem zentralen Mittelfeld direkt hinter die gegnerische Abwehr zu spielen, worauf vor allem Vietto lauert. Wenn dies möglich, bedient sich eher Trigueros dieses Mittels, dessen Torschussvorlagen zu einem Drittel aus langen Pässen (über 23 Meter Länge) bestehen, was der mit Abstand höchste Anteil ist. Generell wird der Ball entweder zu Uche gespielt, der ihn an den lauernden Vietto oder einen der Außenspieler im Mittelfeld weiterleitet. Vietto wartet hingegen nicht nur darauf, steil geschickt zu werden. Vielmehr kann er ebenfalls auf die Flügel ausweichen, um mannorientierte Gegenspieler nach außen zu ziehen und so im Zentrum Platz für die einrückenden Außenspieler zu schaffen sowie gegebenenfalls auf Zuspiele auf den Flügel zu warten, oder auch sich eher zentral positionieren, Laufwege mit dem ballführenden Mitspieler kreuzen und sich im Halbraum als Anspielstation anbieten beziehungsweise auf Abschlussmöglichkeiten dort zu spekulieren. Insgesamt ist die Bewegung nach vorne der vier Stammspieler auf den offensivsten Positionen perfekt koordiniert und von präziser Diagonalität geprägt. 

Graphik 3: Heatmap aller Spieler im Ligaspiel bei Elche am 3.1.2015 (Endergebnis 2:2). Klar erkennbar der Rechtsfokus im Spiel nach vorne sowie die Intensität des Mittelfeldpressings.

Die beiden zentralen Mittelfeldspieler hingegen stoßen nach, sobald die vier Offensivkräfte ihren Angriffszug gestartet haben, und bieten sich entweder als sichere Anspielstation an, wenn die Optionen vorne ausgehen, oder versuchen sich selbst in den Angriff einzuschalten und bewegen sich in Löcher, die durch die Diagonalbewegungen der Offensivspieler entstanden. Vor allem Tomás Pina dringt immer wieder in den gegnerischen Strafraum ein, um am Angriff aktiv zu partizipieren (siehe auch die Darstellung und Erläuterungen zu Graphik 4). Insgesamt ist die Rolle der Sechser jedoch eher balancierend und absichernd, und die offensiven Verantwortungen liegen hauptsächlich bei den vier Offensivspielern. Dies zeigt sich auch in der Statistik; so sind Vietto, Cheryshev, Uche und G. dos Santos die einzigen vier Spieler, die pro neunzig Minuten Einsatzzeit auf zwei oder mehr Torschüsse kommen. Diese Spieler liegen auch bei den Torschussvorlagen ganz vorne, wobei in dieser Wertung auch Trigueros (1,7 Torschussvorlagen pro 90 Einsatzminuten) ganz hervorragend abschneidet.

Graphik 4: Angriffszug im Cupspiel bei Real Sociedad am 14.1.2015. Die Außenspieler im Mittelfeld Gómez und Nahual haben rochiert, Stürmer Giovanni ist nach außen abgekippt, zieht somit mehrere Gegenspieler auf sich und schafft freien Raum für Gómez. Damit nimmt er sich aber auch selbst erst einmal aus dem Angriff. Pina rückt schnell auf, partizipiert direkt im Angriff und dringt dann in den Strafraum ein, während Trigueros nachrückt. Im Zentrum warten der zweite Stürmer und der weit eingerückte zweite Außenspieler auf eine Hereingabe.

Im Spiel nach vorne ergibt sich ein klarer Zentrumsfokus, bedingt durch die Vertikalität des Spiels, die diagonalen Bewegungen der ursprünglich durchaus breit positionierten Außenspieler und die niedrig dosierte Einbindung der Außenverteidiger in das Offensivspiel. Ergebnis dessen ist, dass Villarreal 30% seiner Angriffe durch die mittlere Zone des Spielfelds vorträgt, was innerhalb der Primera División der zweithöchste Anteil nach dem FC Barcelona ist. Überlaufen der Offensivspieler durch die beiden Außenverteidiger findet bei Villarreal eigentlich gar nicht statt. Diese rücken im Ballbesitz zwar mit auf, bleiben allerdings grundsätzlich hinter dem Ball und sichern den Raum im Rücken der angreifenden Spieler ab. Die Rolle der Außenverteidiger ist zudem leicht asymmetrisch; während Rechtsverteidiger Mario Gaspar häufiger bis ins letzte Drittel vorstößt, legt Jaume Costa seine Rolle durchaus konservativer aus und bewegt sich häufig auch im eigenen Ballbesitz etwa auf einer Linie mit den Innenverteidigern. Graphik 5 beispielsweise zeigt einen Angriff Villarreal, bei dem die vier Mittelfeldspieler und die beiden Stürmer geschlossen teilnehmen, die Außenverteidiger jedoch nicht.

Graphik 5: Angriffszug im Spiel gegen Athletic Bilbao am 17.1.2015. Die beiden Stürmer sind mit blauen Punkten markiert, die Mittelfeldspieler mit roten. Diesmal ist Vietto nach rechts gerückt, Pina rückt in den so frei gewordenen Raum. Die Mannorientierungen Athletics sorgen dafür, dass Cheryshev (17) und Soriano (21) kurzfristig recht viel Platz zur Ballannahme und Weiterverarbeitung haben.

Diese Asymmetrie ist durchaus auch den Rollen der jeweiligen Partnerspielern der beiden Außenverteidiger geschuldet. Während Costa mit Cheryshev einen besonders häufig in Richtung Zentrum agierenden Spieler vor sich hat, spielt Gaspar entweder mit dem was direkte Läufe in den Strafraum angeht eher zurückhaltenden Jonathan dos Santos oder dem durchschlagskräftigen, aber eher weit bleibenden Moi Gómez. Deshalb kann er seiner Mannschaft durch seine hohe Positionierung im Angriffsspiel durch Herstellen lokaler Überzahlen nützlich sein, während Costa tendenziell darauf verzichtet, sich alleine im weitgehend verwaisten Raum auf seiner linken Seite zu bewegen. Dadurch entsteht ein leichter Rechtsfokus, der auch in Graphik 3 zu erkennen ist und erklärt, warum Mario Gaspar in puncto Torschussbeteiligung besser abschneidet als sein Pendant auf der Gegenseite. Dies schlägt sich auch bei der Effektivität nieder; so kommt Gaspar auf drei Ligatore und einen Assist in der heurigen Saison, während Costa noch gar nicht anschrieb und auch keine Torvorlage liefern konnte, obwohl die beiden was Torschussvorlagen anbelangt ziemlich gleichauf liegen.

Graphik 6: Das 1:0 im Spiel gegen Athletic. Paulista führt den Ball, kann allerdings keinen risikofreien Pass in das Mittelfeldzentrum spielen, was die erste Option wäre. Bilbao hat sich dazu zu kompakt im Mittelfeldpressing positioniert. Cheryshev löst die Situation, indem er sich kurzfristig nach hinten fallen lässt, wohin ihn Gegenspieler Marcos verfolgt. Uche steigt in das Spiel ein und läuft schräg nach außen, wohin ihn der Innenverteidiger Etxeita begleitet. So entsteht freier Raum (dunkelrot markiert), in den Cheryshev vorstoßen kann und in den Paulista auch den weiten Ball spielt. Bilbao müsste entweder die Formation strikter einhalten, oder Cheryshev schneller an San José im Zentrum übergeben, der den Russen nicht mehr einholen kann. Dass dieser ein sehr guter Spieler ist, zeigt er in der folgenden Ballannahme, der Umkurvung des gegnerischen Tormanns und dem Abschluss aus schwierigem Winkel.
 
Die Innenverteidiger ihrerseits sind in das Offensivspiel kaum eingebunden, was sich auch statistisch in niedrigen Werten bei Torschuss- und Torbeteiligungen niederschlägt. Dies liegt auch daran, dass sie über kein überragendes Passspiel über größere Distanzen verfügen. Die drei Innenverteidiger mit den meisten Einsätzen bringen insgesamt nur knapp über die Hälfte der langen Bälle an den eigenen Mann, wobei Paulista mit 58% noch die beste Quote hatte. Deshalb beschränken sie sich meist darauf, kurze Pässe zu einem der beiden zentralen Mittelfeldspieler zu spielen, die ihrerseits den Angriff nach vorne tragen, entweder durch die erwähnten vertikalen Zuspiele oder durch Dribblings in freie Räume, wenn Pässe zu gefährlich wären. 

Lediglich wenn die gegnerische Mannschaft sehr gut organisiert steht, die Räume im Mittelfeld sehr eng macht und so das Umschaltspiel Villarreals bremst, sorgen auch die Innenverteidiger für das Offensivspiel; entweder durch das Führen des Balles in höhere Räume, oder durch lange Pässe in den Rücken der Abwehr, wie in Graphik 6 dargestellt, wofür man jedoch auch selbst anfällig ist.
  

4. Defensivverhalten


Systematisches Gegenpressing setzt Villarreal eher selten ein, und wenn, dann dient es weniger unbedingt der hohen Balleroberung mit dem Ziel, die aufgelöste Ordnung des Gegners auszunützen und schnell zum Torabschluss zu kommen. Vielmehr setzt man darauf, nach einem Ballverlust in der gegnerischen Hälfte Zeit zu gewinnen. Der ballnahe der vier offensiven Spieler versucht, den ballführenden Gegenspieler unter Druck zu setzen und ihm den direkten Weg zum Tor abzuschneiden. Gewisse Passwege, wie beispielsweise vom Außenverteidiger zum Innenverteidiger, werden dabei bewusst freigelassen, um das Spiel in die Breite zu lenken. In der Zwischenzeit lassen sich die Viererkette und die beiden defensiven Mittelfeldspieler weit nach hinten fallen, bis der Abstand zwischen Tormann und Abwehr sicher ist. Dadurch soll die Kontergefahr erstickt werden, die durch die hohe Positionierung der eigenen Abwehr (bis zur Mittellinie) im eigenen Ballbesitz virulent ist und auch durchaus zu Gegentoren führt. 

Graphik 7: Defensivverbund im Spiel bei Málaga am 10.1.2015. Auffällig die enge Stellung der Viererkette und die tiefe Positionierung der Doppelsechs, die dem Gegner beinahe gar keinen Zwischenlinienraum lässt. Cheryshev ist in der Situation durch einen Sturz etwas aus der Position, was nicht durch einen Mitspieler ausgeglichen wird.
 
Gewisse Situationen führen jedoch durchaus auch zu gezieltem, aggressivem Gegenpressing. Dazu zählen technische Fehler wie mangelhafte Ballannahmen und ungenaue Pässe des Gegners unmittelbar in der Umschaltphase, die jedoch nicht systematisch zu erzwingen versucht werden. Nach Offensivstandards ist Gegenpressing hingegen beinahe Pflicht, da auch die Defensivspieler aufrücken und dementsprechend die Restverteidigung riskant ist. Dazu kommt, dass viele Gegner in der spanischen Liga besonders bei Ecken und Freistößen oft relativ planlos klären und versuchen den Ball vom Tor wegzubekommen, weshalb nach einem erneuten Ballverlust im Strafraum die Ordnung komplett aufgelöst ist. Diese Situationen nützt Villarreal systematisch, um zu Torabschlüssen zu kommen. 

Graphik 8: Pressingsituation im Spiel bei Málaga am 10.1.2015. Die Stürmer und Cheryshev verhindern den kurzen Pass ins Zentrum, lediglich der Pass nach hinten, der hohe Ball und der nach außen bleiben offen. Die drei verbleibenden Mittelfeldspieler verschieben entsprechend horizontal in Richtung des ballführenden Spielers, um Cheryshev abzusichern.
 
Das übliche Mittel ist allerdings wie erwähnt eine Hinhaltetaktik, um zuerst die sechs defensiveren Spieler in die enge und tiefe Grundformation zu bekommen und dann erst zu versuchen, den Ball zu erobern (siehe Graphik 7). Dazu wird der ballführende Gegenspieler, meist der Innenverteidiger oder Sechser, vom ballnahen Stürmer so angelaufen, dass nur entweder der Pass nach hinten, der hohe Ball nach vorne oder das Spiel über außen als Optionen bleiben. Sonstige, zentraler positionierte Mitspieler werden durch den Sturmpartner des pressenden Angreifers sowie die Mittelfeldspieler aus dem Spiel genommen (Graphik 8). Wenn dann der Ball hoch nach vorne gespielt wird, bewegen sich die beiden Viererketten kollektiv nach hinten, wobei sich die Auenspieler im Mittelfeld etwas weiter vorne positionieren als die Sechser, während von den beiden Stürmern in dieser Situation keine Defensivbeteiligung mehr erwartet wird. Beim Spiel über außen wird hingegen nicht aktiv attackiert, lediglich Cheryshev versucht sich bisweilen unkoordiniert im diagonalen Rückwärtspressing, was durch seine Dynamik auch teilweise zu Balleroberungen führt. So kommt er unter den regelmäßig eingesetzten Spieler auf die meisten versuchten Balleroberungen, obwohl die objektiv meisten Balleroberungen dann doch den Abwehrspielern gelingen (vor allem Mario Gaspar, Costa und Musacchio). Sonst wird der Flügelraum generell dem Gegner überlassen. Die Viererkette positioniert sich zentral und recht eng, erst bei Eindringen in die Halbräume beginnt der Außenverteidiger, den gegnerischen Spieler unter Druck zu setzen. Herausrücken lassen sich die Innenverteidiger nur recht selten, beispielsweise um hohe und lange Pässe zu klären. Wenn dies allerdings geschieht, ist die Mannschaft oft in der hintersten Linie massiv ungeordnet, was theoretisch für Gefahr sorgen kann. Auch die beiden Sechser rücken nicht zu weit hinaus, sondern bilden ein Tandem, das in erster Linie der Strafraumverteidigung dient. 

Graphik 9: Szene im Spiel gegen Athletic Bilbao am 17.1.2015. Villarreal lässt viel Raum (dunkelrot markiert) im Zentrum und den Halbräumen, den Bilbao durch die hohe Stellung der Achter, den außen bleibenden Flügel und den nicht aufrückenden Sechser nicht ausnützt und der dementsprechend verwaist bleibt.

Durch dieses abwartende, nach hinten fallende Spiel gegen den Ball, das teilweise Verteidigen nach außen durch die beiden äußeren Mittelfeldspieler bei gleichzeitiger tiefer und enger Positionierung der Außenverteidiger und die marginale Rolle der Stürmer im Abwehrverhalten entsteht zwischen den Sechsern und den Stürmern im Zentrum und den Halbräumen oft viel freier Raum, den gegnerische Mannschaften nützen können (Graphik 9). Dennoch ist es beileibe nicht einfach, gegen Villarreal zu spielen, was die viertmeisten abgefangenen Bälle und die achtmeisten klärenden Aktionen (die grundsätzlich eher von schwächeren Teams durchgeführt werden müssen, da sich der Ball häufiger in ihrer Gefahrenzone befindet) unterstreichen. Villarreal ist grundsätzlich recht zufrieden damit, in der eigenen Hälfte zu verteidigen, solange der Weg in den Strafraum durch die Viererkette und die defensiven Mittelfeldspieler versperrt ist. Dadurch schafft man es zwar nicht allzu häufig, den Gegner vom Torschuss abzuhalten (11,8 gegnerische Torschüsse pro Spiel sind nur ein durchschnittlicher Wert), allerdings sind diese Abschlüsse häufig aus ungünstiger Position, weil die Strafraumverteidigung sehr gut funktioniert, was die Erfolgschancen der gegnerischen Torschüsse natürlich deutlich vermindert (50% der gegnerischen Torschüsse werden von außerhalb des Strafraums abgegeben, gemeinsam mit Sevilla der beste Wert in der gesamten Liga). Deshalb hat Villarreal gemeinsam mit den beiden Madrider Teams die drittwenigsten Gegentore der Liga bekommen (22).

5. Standardsituationen


Offensive Standards sind relativ unspektakulär. Ecken und Freistöße vom Flügel und solche, die zu weit entfernt für einen Direktschuss sind, werden meist hoch in den Raum zwischen Fünfmeterraum und Elfmeterpunkt gespielt mit dem Ziel, direkt zum Torabschluss zu kommen. Verantwortlich für die Ausführung dieser Standards sind Trigueros und Jonathan dos Santos, wobei letzterer durchaus hin und wieder versucht, verschiedene Varianten zu einzusetzen, beispielsweise kurze Eckbälle oder ein hoher Ball an das nahe Fünfereck, wo der Ball weitergeleitet werden soll, was allerdings oft nicht besonders genau einstudiert wirkt. Nur 7 Tore aus Standardsituationen und circa 24% der abgegebenen Schüsse im direkten Anschluss an Standards sind dementsprechend eher durchschnittliche Werte.

Graphik 10: Defensivverhalten bei Eckball (links), Freistoß (Mitte) und Einwurf (rechts). Auffällig ist die personelle Überzahl und die Mannorientierungen im Strafraum, die durch zusätzliche Raumdecker unterstützt werden.

Wie im allgemeinen Defensivverhalten ist auch das Verteidigen von Standards dagegen sehr gut internalisiert. Dabei wird versucht, dem Gegner durch massive personelle Überzahlen keine Möglichkeit zu geben, zum Abschluss zu kommen (siehe Graphik 10 für Beispiele bei Ecke, Freistoß und Einwurf). Dafür werden alle im Strafraum befindlichen Gegenspieler manngedeckt, dazu besetzen mindestens drei Spieler den Raum vor und um den Fünfmeterraum. Dazu positionieren sich dafür nicht benötigte Spieler am Strafraum, um zu kurz geratene Klärungsaktionen weiter zu bereinigen. Dementsprechend befinden sich oft alle zehn Feldspieler bei defensiven Standards im eigenen Strafraum, was natürlich die Möglichkeiten, nach Abwehr des Balles direkt zu kontern, einschränkt. Dafür erhöht es die Stabilität und lässt den Gegnern kaum Möglichkeiten, durch Standards zum Torabschluss zu kommen.   

6. Europa League und der Vergleich mit Salzburg

 
Bislang wurden die Daten Villarreals nicht direkt mit jenen Salzburgs verglichen, was auf zwei Gründe zurückgeht: Einerseits sind unter Umständen die Daten aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden nicht vollständig vergleichbar (obwohl sowohl die Daten der österreichischen Bundesliga als auch die von Whoscored von der Firma Opta bereitgestellt werden), andererseits sind die beiden Ligen natürlich von der Qualität der Gegner völlig unterschiedlich, was die Aussagekraft direkter Vergleiche in Frage stellt. Deshalb werden im Folgenden lediglich Leistungsdaten aus den sechs Gruppenspielen der Europa League verglichen, da hier mit leichter mit ceteris paribus-Annahmen gearbeitet werden kann. Die Gegner beider Teams sind eher auf eine Stufe zu stellen (die Gegner von Villarreal hatten vor der Saison einen durchschnittlichen Klubkoeffizienten von 17,54, jene von Salzburg einen von 22,56, wobei Villarreal selber mit 53.54 etwas besser abschneidet als Salzburg mit 46,19). Der Nachteil dabei ist, dass die Daten auf Durchschnittswerten von nur sechs Spielen beruhen, was sie anfälliger für Ausreißer macht. Den Klubfarben entsprechend steht der gelbe Balken jeweils für Villarreal und der rote für Salzburg.

Graphik 11: Vergleich der Schussstatistiken.

Salzburg hat in der Gruppenphase sowohl mehr Tore erzielt als auch mehr Punkte als Villarreal erreicht, wobei wiederholt werden muss, dass Trainer Marcelino in der Gruppenphase nicht jedes Spiel mit der besten verfügbaren Mannschaft bestritt. Diese Überlegenheit zeigt sich auch bei einem Vergleich der Schüsse, die von den Teams jeweils insgesamt abgefeuert wurden. Insgesamt gab Salzburg 46 Schüsse mehr auf das gegnerische Tor ab als Villarreal, was einem Unterschied von beinahe acht Schüssen pro Spiel entspricht. Dabei sind die Spanier insgesamt etwas effizienter; bei ihnen landete genau ein Fünftel der Torschüsse im gegnerischen Netz, bei Salzburg 17%, was allerdings auch noch ein guter Wert ist. Diese Genauigkeit ist auch der Schussposition geschuldet; Villarreal gab mehr als zwei Drittel der Schüsse von innerhalb des Strafraums ab, Salzburg nur etwas mehr als die Hälfte. Beide brachten etwa die Hälfte ihrer Schüsse auch auf das gegnerische Tor, wobei allerdings Villarreal besser zielte: 41,67% dieser Schüsse endeten mit einem Torerfolg, während Salzburg in dieser Wertung nur auf 33,3% kommt. Keinen signifikanten Unterschied gibt es bei den zugelassenen Torschüssen, hier liegt Villarreal zwei Schüsse besser als Salzburg, was vernachlässigbar ist.

Graphik 12: Vergleich der Passstatistiken, Teil 1.

Beide Teams legen nicht unbedingt viel Wert auf Ballbesitz per se, was sich in niedrigen Ballbesitzzeiten widerspiegelt. Mit 52,5% (Villarreal) beziehungsweise 51% (Salzburg) liegen die Teams bei vergleichbaren Werten auf Rang 20 und 22 der Ballbesitztabelle aller 48 an der EL-Gruppenphase teilnehmenden Teams. Bei den gespielten Pässen liegt Villarreal mit 3170 (siehe Graphik 12) zwar auf Rang Fünf aller Teams, lässt allerdings auch recht viele gespielte Pässe zu (3010), was den Fokus auf Strafraumverteidigung und das Überlassen der gegnerischen Hälfte und der Flügelräume an die gegnerische Mannschaft unterstreicht. Salzburg hingegen spielt wenige Pässe, was den schnellen Umschaltfokus unterstreicht, lässt allerdings auch wenige zu, versucht den Ball also schneller zurückzuerobern. Interessanterweise lässt man etwas mehr Pässe zu, als man selber spielt. Dieses Verhältnis ist vor allem auf die beiden Partien gegen Dinamo Zagreb zurückzuführen, das sehr viel Wert auf ein sauberes und schnelles Passspiel ohne große Hast im Spiel nach vorne legt.

Graphik 13: Vergleich der Passstatistiken, Teil 2.

Die Unterschiede zwischen den Teams zeigen sich auch bei der Passquote und dem Anteil der kurzen Pässe (unter 23 Meter Länge) an allen gespielten Pässen, zwei Kategorien, die logischerweise miteinander korrelieren, da kurze Pässe eben wahrscheinlicher beim eigenen Mann landen als lange (das Bestimmtheitsmaß bei allen 48 Teams der Europa League zwischen diesen beiden Kategorien beträgt 0,54, was eine hohe Korrelation ausdrückt). Villarreal spielt sowohl insgesamt als auch relativ mehr kurze Pässe als Salzburg, und bringt auch etwa 15 von 100 Pässen mehr an den eigenen Mitspieler als Salzburg (siehe Graphik 13). Dies weist darauf hin, dass das Salzburger Umschaltspiel noch etwas schneller und riskanter ist als jenes von Villarreal. Das intensivere Pressing der Salzburger wiederum bewirkt, dass die gegnerischen Teams weit weniger erfolgreiche Pässe spielen als jene von Villarreal, die erst weit in der eigenen Hälfte aktiv das Passspiel des Gegners zu unterbinden suchen. 

Graphik 14: Vergleich des Umschaltspiels und des horizontalen Fokus.

Dass die Salzburger noch etwas schneller umschalten als Villarreal, zeigt auch Graphik 14. Die Salzburger kommen durchschnittlich nach etwa gespielten 21 Pässen zum Torabschluss, während Villarreal etwa doppelt so viele benötigt. Beide Mannschaften spielen jedoch vergleichsweise häufig durch die Mitte; die Prozentsätze reichen für den zweiten (Villarreal) beziehungsweise vierten (Salzburg) Rang im Ranking aller 48 EL-Teilnehmer.

Graphik 15: Vergleich ausgewählter Defensivstatistiken.

Zum Schluss sollen noch einige Defensivstatistiken verglichen werden. Insgesamt ist es relativ schwierig, daraus Schlüsse zu ziehen. Man weiß bisher noch wenig darüber, welche davon überhaupt von Belang sind. Offensichtlich gibt es viele Möglichkeiten, den Gegner vom Torerfolg abzuhalten, und Teams benützen diese Möglichkeiten in verschiedenen Ausmaßen. Graphik 15 zeigt, dass Villarreal und Salzburg beinahe gleich häufig gegnerische Pässe abfangen, was etwas im Widerspruch steht zum Befund, dass Salzburg eine weit niedrigere gegnerische Passquote zulässt als Villarreal. Dies erklärt sich unter Umständen dadurch, dass Salzburg weit häufiger versuchte, den Gegner direkt unter Druck zu setzen, und nicht nur die Passwege zustellt. Die 289 Tacklings (definiert als Versuch, einen Gegner vom Ball zu trennen) in den sechs Spielen der Gruppenphase sind der mit Abstand höchste Wert aller 48 Teams. 36% der Versuche waren auch erfolgreich, was dem zweithöchsten Wert hinter Partizan Belgrad entspricht. Villarreal hingegen ist sowohl was die Anzahl der versuchten Tacklings als auch ihre Erfolgsquote anbelangt ziemlich genau im Durchschnitt aller Teams. Salzburg schafft es auch öfter als Villarreal, gegnerische Angriffe zu stören oder ganz abzubrechen, wobei die Anzahl an klärenden Aktionen beider Teams unterdurchschnittlich hoch ist. Insgesamt ist die höhere Notwendigkeit defensiver Aktionen für Salzburg jedoch nicht überraschend, wenn man an die höhere Anzahl an verlorenen Bällen durch die niedrigere Passquote denkt. 
 

7. Fazit: Was Salzburg tun kann


Es ist unheimlich schwierig, gegen Villarreal Tore zu erzielen. Die Mannschaft lässt ihren Gegnern kaum Möglichkeiten, um in gefährlichen Zonen zu Torschüssen zu kommen, und muss dementsprechend wenige Gegentore hinnehmen. Es gibt allerdings einige Möglichkeiten, um die engmaschige und kompakte Defensive Villarreals auszuhebeln und doch für Gefahr zu sorgen.

Salzburg muss unbedingt versuchen, möglichst schnell ins Gegenpressing zu kommen. Durch das schnelle Umschalten sind die Gegenstöße Villarreals nach Ballgewinn oft tödlich, und müssen einerseits möglichst schnell gestoppt werden. Andererseits sind die Defensivspieler Villarreals (mit Ausnahme des verletzten Brunos) nicht sonderlich pressingresistent und können sich unter Druck oft nur mehr mit hohen Befreiungsschlägen behelfen. Außerdem entstehen so natürlich eigene Tormöglichkeiten, beispielsweise der Anschlusstreffer Elches entstand, als Costa im Mittelfeld angepresst wurde und den Ball verlor, was Elche zum sofortigen Gegenangriff gegen die entblößte Hintermannschaft Villarreals ausnützte.

Allerdings kann man auch tiefere Ballgewinne, wenn Villarreal schafft, die erste Pressingwelle Salzburgs zu überspielen, gut ausnützen, wenn es wirklich schnell geht. Dabei wird ausgenützt, dass die gesamte Abwehrlinie kollektiv oft bis an die Mittellinie aufrückt und Asenjo weniger ein mitspielender Tormann ist, also viel Raum im Rücken der Abwehr entsteht. Da darf man sich dann auch nicht zu schade sein, einen hohen, weiten Ball hinter die Abwehr zu spielen und auf die Schnelligkeit der Offensivspieler zu vertrauen. Dementsprechend wäre vielleicht Sabitzer als zweite Sturmspitze neben Soriano eher die erste Wahl als Djuricin. Málaga gelang gegen Villarreal so ein Tor, als Antunes nach Ballgewinn im eigenen Abwehrdrittel mittels Steilpass Amrabat einsetzte, der Asenjo nur noch zu überheben brauchte.

Obwohl Villarreal unheimlich stark verteidigt, lassen sie in bestimmten Zonen bewusst Räume frei (siehe auch Graphik 9 weiter oben). Diese Räume vor oder neben der Doppelsechs können von nach vorne stoßenden Mittelfeldspieler oder sich fallen lassenden beziehungsweise leicht seitlich abkippenden Stürmern bespielt werden, wenn die Ballzirkulation in diesen Bereichen schnell ist, und für Pässe in die Schnittstellen ausgenützt werden. Jonatan Soriano und Massimo Bruno bieten sich für diese Art von Spielzügen aus dem Salzburger Spielermaterial besonders an. In dieser Hinsicht wäre unter Umständen eine Rückkehr zur im Herbst praktizierten Raute wegen der Absicherung im Zentrum und der Hilfestellung durch aufrückende Achter vorteilhafter als das im Spiel gegen Wr. Neustadt angewandte flache 4-4-2. Real Sociedad hat im Rückspiel der Copa vorgezeigt, wie man diese freien Räume zum Torerfolg gegen Villarreal ausnützen kann (siehe Graphik 16).

Graphik 16: Tor von Esteban Granero im Cupspiel bei Real Sociedad am 14.1.2015. Carlos Vela hat sich etwas seitlich der Doppelsechs positioniert, wo er den Pass von Granero erhält. Die beiden Sechser können keinen Druck mehr auf ihn ausüben, weshalb die beiden Innenverteidiger herausrücken. Die Viererkette (schwarze Linie) ist deshalb komplett aus der Formation gerissen und entblößt freien Raum (dunkelrot markiert) in ihrem Rücken, in den Granero (roter Pfeil = Laufweg) vorstößt. Dort nimmt er den Doppelpass (blauer Pfeil), den Vela in der Zwischenzeit aufgrund seiner freien Position relativ unbedrängt spielen konnte, volley und schießt den letztlich bedeutungslosen Ausgleich.

Auch das Tor von Lionel Messi am vorletzten Wochenende entspricht in etwa diesem Muster. Gleich vier Spieler Villarreals, die beiden Innenverteidiger und die beiden zentralen Mittelfeldspieler, versuchen dabei, den ballführenden Suárez unter Druck zu setzen. Dadurch entsteht freier Raum im Zentrum knapp außerhalb des Strafraums, also in der möglicherweise wichtigsten Zone des gesamten Spielfelds. Suárez schafft es, den Ball kurz mitzunehmen und in eben diesen Raum zu spitzeln, in den Messi vorstößt und vollstreckt. 

Ein etwas weniger effektives Mittel könnten Fernschüsse, vor allem aus dem Halbraum, sein. Auch hier werden die freien Räume außerhalb des Strafraums ausgenützt. Allerdings sind Fernschüsse durch die höhere Entfernung generell nicht besonders erfolgsversprechend; außerdem wird Villarreal wenig freie Schussbahnen lassen, dazu ist Asenjo ein guter Tormann auf der Linie. 

Zwei weitere Faktoren werden im Spiel ohne Ball essentiell sein: Einerseits gilt es zu vermeiden, den Fehler zu machen, wie ihn beispielsweise Athletic Bilbao im oben besprochenen Tor begeht, und den Gegenspieler zu lange mannorientiert zu verfolgen. Dies ermöglicht Villarreal gerade erst, seine gefährlichen Diagonalläufe zum größtmöglichen Schaden des Gegners einzusetzen. Und sollte schon ein Defensivspieler aus der Position herausrücken, muss die entstandene Lücke unverzüglich von einem Mitspieler geschlossen werden, aber das ist ohnehin Standard.

Dazu gilt es, sich gegen weite Bälle hinter die Abwehr zu wappnen, die angesichts der grundsätzlich hohen Positionierung der Salzburger Viererkette nicht allzu unwahrscheinlich sind. In dieser Hinsicht wird die Anti- und Partizipation von Torhüter Gulacsi enorm wichtig sein, um gefährliche 1:1-Situationen zwischen ihm und einem Gegenspieler im Keim zu ersticken. 

Dienstag, 10. Februar 2015

Das zweite Jahr ist eben nicht das schwierigste

In einer auch sonst nicht allzu guten Vorschau auf die Frühjahrssaison des SV Grödig kam er an prominenter, nämlich erster Stelle. Ein Satz, der in seiner Banalität an viele andere Klischees im Fußball erinnert, und wie die meisten dieser Klischees nicht auf der Realität beruht, sondern darauf, oft genug im medialen und öffentlichen Diskurs wiederholt worden zu sein, sodass er mittlerweile zu einem Standardsatz geworden it. Die Rede ist von der Auffassung, wonach das zweite Jahr in der Bundesliga für den Aufsteiger "bekanntermassen" das schwierigste sei. Schon das Wort bekanntermassen zeigt an, wie sich dieser Satz mittlerweile durch ständiges unreflektiertes Wiederholen verselbstständigt hat.

Nun ist der Vorteil an Banalitäten, dass sie relativ einfach überprüfbar sind (dass es offensichtlich noch nie jemand getan hat, ist eine andere Geschichte). Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage kann ganz einfach mittels einer vergleichenden Untersuchung des sportlichen Abschneidens der Aufsteiger in den Jahren nach dem Aufstieg in die Bundesliga überprüft werden. Dafür sind weder besondere Kenntnisse noch anspruchsvolle statistische Methoden vonnöten. 

Dabei zeigt sich, dass zwar die Aufsteiger durchaus im zweiten Jahr weniger Punkte einfahren als im ersten Jahr in der Bundesliga, ein Schicksal, das natürlich auch dem SV Grödig bevorsteht. Die Leistung ist im zweiten Jahr ist also durchaus schwächer als im ersten Jahr; dies liegt aber nicht notwendigerweise daran, adss das zweite Jahr per se schwieriger sei. Viel eher ist der Grund dafür die massive Overperformance der Aufsteiger im ersten Jahr, die eben schwierig bis unmöglich beizubehalten ist. Die Gründe für das starke Abschneiden können unterschiedlicher Natur sein und reichen von einer ungewohnten Spielweise, die den etablierten Teams Probleme bereitet, über die individuelle Qualität zummindest einiger Spieler bis zur Euphorie, die mit dem Gewinn der zweiten Liga und dem Aufstieg in die erste verbunden ist. 

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Diese Vorteile gehen naturgemäß nach dem ersten Jahr Schritt für Schritt verloren; die Gegner stellen sich besser auf die Spielanlage ein, Schlüsselspieler werden abgeworben, teilweise gehen auch die Trainer verloren und die Euphorie verfliegt. Dies alles macht das zweite Jahr potentiell schwieriger. Wenn es allerdings tatsächlich das schwierigste wäre, würden auch hin und wieder ein Team im zweiten Jahr nach dem Aufstieg wieder in die zweithöchste Spielklasse absteigen. Dem ist aber einfach nicht so. Seit Einführung der Dreipunkteregel ist kein einziges Team im zweiten Jahr nach dem Aufstieg wieder abgestiegen, wie auch obige Graphik beweist.

In ihr sind alle Absteiger seit der Saison 1999/2000 dargestellt sowie die Anzahl an Saisonen, die das Team jeweils in der obersten Spielklasse verbracht hatte. Vor diesem Zeitraum gab es zwei Anomalien; einerseits stieg die Admira 1998 zum ersten Mal überhaupt ab, und 1999 musste mit Steyr der erste und einzige Aufsteiger direkt wieder den Gang nach unten antreten. Allerdings gab es auch davor niemals (zumindest seit Einführung der Dreipunkteregel) eine Mannschaft, für die das zweite Jahr in der Bundesliga das letzte war.

Die blaue Linie zeigt den Durchschnittswert an Saisonen vor dem Abstieg in der Bundesliga aller Teams, die in diesen fünfzehn Spielzeiten abgestiegen sind. Er liegt bei knapp sechs Saisonen, wird allerdings von drei Ausreißern nach oben getrieben. Das zeigt der Medianwert (also der, unter und über dem jeweils 50% der Fälle liegen), der für die gesamte Periode nur 4 beträgt. Die Ausreißer sind allerdings relativ einfach erklärt. 2002 und 2007 traf es mit dem FC Tirol und dem GAK Teams nicht aus sportlichen, sondern finanziellen Gründen; beide bekamen für die folgende Spielzeit keine Lizenz mehr. Der SV Mattersburg hatte 2013 hingegen einfach Pech; die 35 Punkte, mit denen er auf Rang 10 landete, reichten in der Dreipunkteära meistens locker zum Klassenerhalt, oft sogar für Platz 8. Lediglich die SV Ried stieg 2003 mit noch mehr Punkten (38) ab.

Allerdings scheint sich ein gewisser Trend einzustellen. Wenn man Mattersburg einmal ausklammert, sind nach 2007 nur Teams abgestiegen, die drei oder vier Saisonen in der Bundesliga verbracht hatten. Der Durchschnittswert in diesen sieben Saisonen beträgt nur mehr 4.6, während er sich für die acht früheren Jahre 6.6, also fast genau zwei Saisonen mehr, beläuft. Es scheint also durchaus schwieriger zu werden, sich mittelfristig in der Bundesliga zu etablieren. Aus den Daten folgt allerdings, das eben nicht das zweite, sondern das dritte und vierte Jahr in der Bundesliga die schwierigsten sind.

Das sind einigermaßen schlechte Nachrichten für die Admira (im vierten Jahr Bundesliga, im dritten Jahr trotz Punkteabzugs jedoch relativ komfortabel drinnen geblieben), wobei solche Trends natürlich auch den Ausgang der Saison nicht automatisch vorherbestimmen. Immer noch ist es wahrscheinlicher, dass Wiener Neustadt absteigt (sechstes Bundesligajahr), und damit der Trend wieder etwas reversiert wird. Dass es nämlich den Klub im dritten Jahr erwischt, ist hingegen beinahe unmöglich. Zu gut hat sicher der WAC verstärkt, und deshalb auch eine fast tadellose Hinrunde hingelegt. Man kann also durchaus etwas gegen den Trend unternehmen, was vor allem für Grödig angesichts der sich abzeichenden Abgänge für den Sommer im nächsten Jahr auch von eminenter Bedeutung sein wird. Dass es sie noch heuer erwischt, ist hingegen beinahe auszuschließen. Weil das zweite Jahr eben nicht das schwierigste ist.




Dienstag, 30. Dezember 2014

Die eigene und die gegnerische Stärke

"Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft."
Jean-Paul Sartre


Die Anwesenheit des Gegners verkompliziert nicht nur die Angelegenheit für die eigene Mannschaft massiv, vielmehr ist dessen Qualität und die Relation zwischen eigener und seiner Stärke der stärkste Prädikator für den Ausgang des Spiels. Auch wenn man sich als Zuschauer und Anhänger besonders gern an Spiele zurückerinnert, in denen die sich die unterlegene Mannschaft gegen einen favorisierten, vielleicht sogar übermächtigen Gegner durchsetzte: Im Normalfall gewinnt das stärkere Team, was sich auch darin manifestiert, dass der Meister am Ende der Spielzeit ein besseres zur Verfügung hatte als die sonstigen Europacupstarter, und diese wiederum bessere als Nachzügler und Absteiger.

Dennoch gibt es natürlich auch immer Ausnahmen, und in einzelnen Spielen gewonnene Vorteile können sich auch durchaus summieren, sodass niedriger eingeschätzte Teams in der Tabelle am Schluss weit vorne stehen, während favorisierte Klubs hinterherlaufen müssen. Der Wolfsberger AC in der heurigen Herbstsaison ist ein Musterbeispiel für einen solchen Klub, der die Erwartungen massiv übererfüllt und weit mehr Punkte einfuhr, als er angesichts der eigenen Qualität im Vergleich zur Stärke der anderen Teams sollte. Für diese Mannschaften gilt die Formel, die in Graphik 1 dargestellt ist, nicht mehr oder nur teilweise. 


Graphik 1

Diese Formel beschreibt die Tordifferenz, also den Ausgang eines Spiels z, als Differenz der Qualität von Mannschaft i und Mannschaft j, zuzüglich des statistischen Fehlers e. Unter diesen fällt alles, was den Ausgang eines Spieles sonst noch beeinflussen könnte, wie beispielsweise Wetter, Bodenverhältnisse, Schiedsrichterentscheidungen, oder ganz einfach Glück und Zufall. Bei den Mannschaften, die überperformen, ist also in vielen Spielen e übermäßig groß, wodurch der Einfluss von Qi und Qj auf das Ergebnis rückläufig ist.

Natürlich ist der Höhenflug des WAC beispielsweise derzeit nicht nur auf Glück und positive Schiedsrichterentscheidungen zurückzuführen. Möglich ist durchaus, dass er auch einer erhöhten Qualität der Kärntner entspricht und dementsprechend alles im Lot ist. Eine sehr gute Transferperiode weist darauf hin, dass der Kader durchaus besser geworden ist. Andererseits muss auch darauf hingewiesen werden, dass bis jetzt kein allgemein akzeptierter Indikator existiert, mittels dessen fußballerische Qualität überhaupt objektiv gemessen werden kann. Es gibt zwar einige Faktoren, die sehr stark mit Erfolg korrelieren, sowohl auf Ebene eines einzelnen Spiels als auch im Vergleich von Vereinen miteinander, allerdings sind diese immer nur Annäherungen. 

So ist beispielsweise anzunehmen, dass  sich Vereine mit höheren Budgets, die sich unter anderem darin äußern, dass man mehr Geld in Ablösesummen und Gehälter für gute Spieler investieren kann, weiter vorne in der Tabelle klassifizieren können. Allerdings ist auch das kein perfekter Indikator, aus mehreren Gründen: einerseits sind die Daten diesbezüglich oft nicht öffentlich vorhanden, oder wenn, dann nicht unbedingt miteinander vergleichbar. Dies liegt an mangelnden Transparenzvorschriften. Andererseits geht die Gleichsetzung Budget = Qualität von einer Annahme aus, die auf rationalen Akteuren mit perfekter Information beruht. Das diese nicht realistisch ist, zeigt nicht nur die wirtschaftspsychologische Forschung, sondern auch die Praxis. So dürfte in Österreich beispielsweise nie eine andere Mannschaft als RB Salzburg Meister werden, und WR. Neustadt wäre längst abgestiegen. Man kann sich der realen Qualität also nur bis zu einem gewissen Grad annähern, was allerdings ein häufiges Problem empirischer Untersuchungen ist, wenn abstrakte Konzepte in konkrete Zahlen umgewandelt werden sollen.

Im folgenden wird der Versuch unternommen, die bisherigen Spiele der Bundesligasaison auf die obige Formel hin zu überprüfen. Als Indikator für die Qualität eines Teams wird dabei jedoch nicht seine ökonomische Stärke angewandt. Nach dem Motto "Die Tabelle lügt nicht" (was natürlich zweifelsfrei so nicht stimmt, aber für dieses Anliegen tut es seinen Zweck) wird die Qualität mittels des bisherigen Abschneidens in der Tabelle gemessen. Je niedriger der Tabellenplatz in der jeweiligen Runde, desto höher die Qualität und vice versa. Deshalb wird auch die erste Runde nicht in die Analyse mitaufgenommen, da in dieser die Teams naturgemäß noch keine Platzierung hatten. Deshalb beträgt die Stichprobengröße 18 Spiele pro Team, also insgesamt 180 Untersuchungseinheiten. Dazu muss angemerkt werden, dass dies nicht ganz zulässig ist, da naturgemäß die Tordifferenzen von Mannschaft i und j in Spiel z nicht voneinander unabhängig sind, sondern einem Nullsummenspiel gemäß miteinandern korrelieren. Wenn Team i die Tordifferenz um 1 erhöht, wird gleichzeitig die von Team j um 1 gesenkt. Das Sample ist also eigentlich nur halb so groß und besteht aus Dyaden (n=90). Allerdings sind die Ergebnisse nicht signifikant anders, wenn nur ein Team pro Spiel als Untersuchungseinheit ausgewählt wird. Die Tordifferenz wird anstatt der Punkte verwendet, da diese metrisch skaliert ist und nicht nominal, was einige statistische Analysen erleichtert, beziehungsweise überhaupt erst ermöglicht. Zudem ist sie im Sample sehr schön normalverteilt, was ebenfalls von Bedeutung bei üblichen statistischen Verfahren ist.

Graphik 2 zeigt die Ergebnisse von Regressionsanalysen, wenn die eigene Platzierung eines Teams (Modell 1), und zusätzlich die der gegnerischen Mannschaft (Modell 2) auf seine Tordifferenz in Spiel z regressiert werden. Im letzten Modell wird zudem zwischen Heim- und Auswärtsmannschaft unterschieden. Es zeigt sich, dass die Variablen den angenommenen Effekt haben und zudem statistisch ausreichend signifikant sind. So schießt ein Team pro Platz, den es in der Tabelle weiter oben (=hinten) liegt, 0,2 Tore pro Spiel weniger. Dieser Effekt ist auch nicht abhängig von der gegnerischen Platzierung; zwar ist die Tordifferenz gegen stärkere Teams dementsprechend niedriger, die beiden Faktoren hängen allerdings nicht miteinander zusammen. Ein Heimteam hingegen schießt 0,85 Tore mehr als ein Auswärtsteam, wenn alle anderen Faktoren gleich sind.


Graphik 2

Die Modelle sind allerdings nicht besonders gut, was sich an den niedrigen Werten in der vorletzten Zeile, neben dem Adj. R² (adjusted R², also korrigiertes Bestimmtheitsmaß), manifestiert. Dieser Wert variiert zwischen 0 und 1 und zeigt an, wie gut das Modell die Varianz in der abhängigen Variable, also in diesem Fall der Tordifferenz in jedem Spiel, erklären kann. Je höher dieser Wert ist, desto besser ist das Modell geeignet, weil es weniger Ausreißer gibt. Werte um die 0,1 sind nicht sonderlich gut, was allerdings viel Raum für den oben angesprochenen statistischen Fehler e lässt. Es gibt also noch sonstige Faktoren, die den Ausgang eines Spiels (mit-)erklären. Wie sehr die Modelle bei der Vorhersage der Ergebnisse daneben liegen können, zeigen die Ausgänge zweier Partien in Runde 19. Sowohl Salzburg als auch Wolfsberg hätten ihre Partien gegen Rapid beziehungsweise Admira laut Vorhersage mit einem Tor Unterschied gewonnen, in Wirklichkeit jedoch mit demselben Unterschied verloren.

Dennoch sind die Erkenntnisse aus Graphik 2 nicht trivial. Wichtig zu beobachten ist, dass insgesamt der Effekt der eigenen Platzierung fast doppelt so hoch ist wie der der gegnerischen, und ein weit höheres Signifikanzniveau (99,9% statt 95%) aufweist, also mit noch viel höherer Wahrscheinlichkeit keinen zufälligen Zusammenhang beschreibt. Die eigene Stärke ist also ein wichtigerer Faktor als die gegnerische bei der Vorhersage des Ergebnisses einer Partie.

Obwohl die gegnerische Stärke also der vernachlässigbarere Faktor ist, ist sie von besonderem Interesse in diesem Beitrag, weshalb im Folgenden besonders darauf eingegangen wird. Sieht man sich lediglich den Zusammenhang zwischen der Tordifferenz und der Platzierung des Gegners in der Tabelle an (Graphik 3), so wird ersichtlich, dass dieser nicht sonderlich stark ist, wie auch in den vorgehenden Regressionsgleichungen. Lediglich knapp drei Prozent der Varianz in der Tordifferenz wird mittels der Platzierung der gegnerischen Mannschaft in der Tabelle erklärt. Allerdings ist der Zusammenhang ausreichend signifikant. 

Dieser Befund ist möglicherweise dadurch verzerrt, dass er auf Daten aus der ersten Hälfte der Meisterschaft (plus Runde 19) beruht. In dieser Phase ist die Tabelle noch nicht besonders aussagekräftig, der Zufall spielt eine noch größere Rolle bei der Platzierung einzelner Teams als über eine gesamte Saison. Die Platzierung ist deshalb ein noch schwächerer Indikator für die wahre Qualität eines Teams. Diese Verzerrungen gleichen sich unter Umständen über die gesamte Saison eher aus, weshalb eine gesamte Spielzeit eine aussagekräftigere Stichprobe ist als nur eine Herbstmeisterschaft. Wenn mit den Daten der vorgehenden Saison 2013/14 diese Analyse wiederholt wird, zeigt sich, dass der Zusammenhang tatsächlich etwas stärker ist (r² = 0,05), allerdings immer noch nicht besonders hoch. Insgesamt kann also gesagt werden, dass ein Team umso besser gegen ein anderes abschneidet, je höher (weiter hinten) dieses in der Tabelle klassifiziert ist. Allerdings gibt es auch eine Menge Spiele, in denen sich diese Tendenz nicht widerspiegelt.


Graphik 3



Diese Analyse basiert auf aggregierten Daten von allen Teams; interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch auch, welche Klubs in etwa dem allgemeinen Muster entsprechen und welche davon abweichen. Die Analyse wurde also für jeden einzelnen Klub wiederholt und in einem ähnlichen Diagramm abgebildet (Graphik 4), allerdings nur mit linearen Regressionslinien und nicht mit den Punkten, um die Übersichtlichkeit halbwegs beizubehalten. 

Da diese Geraden auf nur jeweils 18 Datenpunkten basieren, sind die Ergebnisse jedoch einigermaßen mit Vorsicht zu genießen. Tatsächlich sind die Korrelationen, anders als beim Modell mit allen Teams, nur in zwei Fällen statistisch signifikant, nämlich bei der Wiener Austria und Grödig. Die beiden Mannschaften sind auch die mit den steilsten Linien; sie tun sich also gegen Teams auf vorderen Tabellenplätzen besonders schwer, zu punkten, und dafür umso leichter gegen Tabellennachzügler. Insgesamt passt die Hälfte der Teams ganz gut in das allgemeine Muster. Neben den beiden erwähnten Teams sind das Ried, Salzburg und Sturm. Die Admira und Rapid weisen nur ganz leicht ansteigende auf, Altach eine leicht fallende. Zwei Teams passen hingegen gar nicht hinein: Wolfsberg und Wr. Neustadt, was angesichts der Tabellenpositionen der beiden Klubs ein interessantes Ergebnis ist. Wolfsberg tut sich offensichtlich schwer, gegen Teams, die in der Tabelle weiter hinten liegen und dementsprechend auch meist tief stehende, abwartende Taktiken verfolgen, die ihrer Tabellenplatzierung entsprechenden hohen Siege herauszuschießen. Wiener Neustadt hingegen hat Probleme, in den Duellen gegen Teams, die zumindest punktemäßig in Reichweite wären, Resultate zu holen. Das könnte im Abstiegskampf zu einem veritablen Problem werden, auch wenn man gegen den Neuntplatzierten, die Admira, noch ohne Niederlage ist. Der Befund bezüglich beider Teams wird auch durch die Tatsache beeinflusst, dass Wr. Neustadt gegen Wolfsberg beide Spiele im Untersuchungszeitraum gewann. Weder gelang ihnen das gegen irgendein anderes Team noch blieb Wolfsberg gegen ein anderes Team punktelos.

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Graphik 4

Die letzte Abbildung in diesem Beitrag erlaubt, genau nachzuvollziehen, welches Team gegen welchen Gegner Punkte geholt beziehungsweise liegen gelassen hat. Die Tordifferenz, die in den vorherigen Analysen zur Messung der sportlichen Bilanz diente, wird hier hingegen nicht berücksichtigt. Die Hintergrundfarbe in Graphik 5 entspricht den in der Zelle ausgewiesenen Punkten, also das Punktemaximun von sechs ist blau hinterlegt, null Punkte gegen ein Team hingegen rot, etc. 

Wenn man sich die beiden Teams, die dem allgemeinen Modell besonders gut entsprechen (Austria und Grödig), sowie die beiden, bei denen dies überhaupt nicht der Fall ist (Wolfsberg und Wr. Neustadt), ansieht, zeigt sich, dass die Ergebnisse der Analysen weitgehend nicht davon abhängig sind, ob Punkte oder Torverhältnisse benützt werden. Die Austria beispielsweise holte aus gegen die drei höchstplatzierten Teams in der Tabelle nur fünf von 18 möglichen Punkten (TD von -7), gegen die drei untersten hingegen elf (+7). Bei Grödig verteilen sich die Punkte zwar etwas anders, aber die Bilanz gegen die drei besten und die drei schwächsten Teams ist insgesamt gleich (fünf bzw. elf Punkte, bei gesamten Tordifferenzen von -11 und +9, wobei die erstere von der 0:8 Niederlage gegen Salzburg nach oben getrieben wird).

Wolfsberg hingegen holte gegen Wiener Neustadt gar keinen Punkt und nur jeweils drei gegen Ried und die Admira. Die Tordifferenz in den Spielen gegen diese drei Teams beträgt insgesamt -1. Gegen die direkten Tabellennachbarn Salzburg und Altach blieb man hingegen mit je einem Sieg und einem Remis ungeschlagen, auch wenn jeder Sieg nur mit einem Tor Unterschied gelang. Wiener Neustadt wiederum konnte gegen die Top Drei immerhin die Hälfte der möglichen Punkte holen (neun, bei einer interessanterweise negativen Tordifferenz von -5). Gegen die direkten Konkurrenten im Abstiegskampf Admira, Ried und Grödig allerdings blieb man mit vier von 18 möglichen Punkten meist im Hintertreffen, und schoss dabei elf Treffer weniger, als man kassierte.



Graphik 5

Die Qualität der gegnerischen Mannschaft spielt also eine Rolle beim Ergebnis, das ein Team in einer Partie erreichen kann. Allerdings ist diese kleiner als die der eigenen Qualität und unabhängig von dieser. Zusätzlich verhält es sich nicht mit allen Teams gleich; manche punkten "erwartungsgemäß", also wenig gegen vorne platzierte Teams und mehr gegen Nachzügler, während andere gar keinen Trend aufweisen und wieder andere das komplette Gegenteil zeigen. Diese Ausreißer können sowohl vorne (Wolfsberg) als auch hinten (Neustadt) in der Tabelle platziert sein, die eigene Platzierung selbst scheint dabei also keine Rolle zu spielen. Wie sich dieses Punktemuster auswirkt, also ob sich liegen gelassene Punkte gegen kleinere Teams in der Tabelle rächen, wenn sie nicht kompensiert werden, kann mittels der Daten aus einer Saison nicht beantwortet werden. Dafür müsste man mit mehr Teams aus mehreren Saisonen arbeiten, was Stoff für einen zukünftigen Beitrag ist.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Schnelles Umschaltspiel und Treffgenauigkeit: RB Salzburg in der Gruppenphase der Europa League 2014/15

Bereits nach vier Spieltagen war man fix für die nächste Runde qualifiziert, nach dem fünften Spiel in der Gruppenphase war man auch nicht mehr von Platz 1 in der Gruppe D zu verdrängen. Nebenbei ist der österreichische Tabellenführer auch das Team mit den meisten erzielten Toren (16), womit bereits nach fünf Spielen mehr Tore erzielt wurden als bei jedem anderen bisherigen Antreten in diesem Bewerb (die Bestmarke von 15 Toren stammt aus dem Vorjahr). Deshalb kann im heutigen letzten Speil auch noch der historischen Rekord (18) gebrochen werden. Insgesamt sind die Zahlen des FC Red Bull Salzburg in der heurigen Gruppenphase der Europa League also doch recht erstaunlich, was allerdings auch die Frage nach den Gründen für diese herausragenden Ergebnisse aufwirft; vor allem, wenn man bedenkt, dass die direkten Gruppengegner Celtic FC und Dinamo Zagreb in ihren jeweiligen nationalen Ligen eine ähnliche Rolle spielen wie Salzburg in der Bundesliga und in Bezug auf Marktwert, Klub-Koeffizienten und Klub-Elo nicht allzu viel schlechter abschneiden, allerdings auf europäischer Ebene heuer durchaus schlechtere Ergebnisse ablieferten.

Die UEFA veröffentlicht auf ihrer Webseite einige einfache Leistungsstatistiken für alle am Wettbewerb teilnehmenden  Vereine, die im Folgenden als Grundlage dienen, um die Ursachen für den Salzburger Erfolgslauf nachzuvollziehen zu versuchen. Die Größe der Grundgesamtheit beläuft sich also auf 48 Einheiten, die den an der Europa League Gruppenphase teilnehmenden Klubs entsprechen; diese Größe ist zwar nicht berauschend, allerdings ausreichend um gewisse statistische Schlüsse zu ziehen.

Auffällig ist bereits, dass Salzburg mit 77% die Mannschaft mit der niedrigsten Passquote aller Teams ist (siehe Graphik 1). Lediglich gut drei Viertel aller Zuspiele landen auch beim eigenen Mann, was allerdings noch mehr sind als in der heimischen Bundesliga, wo die Passsquote 73% beträgt. Keine andere Mannschaft in der Europa League kommt auf eine Quote von unter 80%, für alle Teams liegt der Durchschnitt bei 86,7%. Auch die Gruppengegner der Salzburger liegen deutlich besser als diese, auch wenn sie nicht an die Spitzenreiter Mönchengladbach, Kopenhagen und Dinamo Moskau herankommen.
Graphik 1
Allerdings ist eine niedrige Passquote natürlich nicht zwangsläufig ein Indikator für schwache Leistungen. In der Liga hatte man beispielsweise letztes Jahr eine nur unwesentlich höhere Quote und wurde überlegen Meister. In der Europa League hingegen war die Quote laut Whoscored.com mit 72,5% sogar noch niedriger als heuer, und trotzdem schnitt man besser ab als jemals zuvor. Die Passquote eines Teams in der heurigen Gruppenphase korreliert deshalb auch weder mit der Anzahl an geschossenen Toren noch mit den Schussversuchen.

Im konkreten Fall Salzburgs ist sie viel eher das Ergebnis der Spielanlage. Anstatt auf ballbesitzsichernde Passstafetten zu setzen, die eine höhere Passquote bringen würden, wird grundsätzlich nach Ballgewinn schnell der Weg mittels Risikopässen nach vorne gesucht. Die eigene Passquote leidet darunter, allerdings kommt man insgesamt gesehen damit oft und schneller in gefährlichen Zonen zum Abschluss, was die Erfolgschancen der eigenen Angriffsbemühungen signifikant erhöht. 

Dies untermauert ein Blick auf die absoluten Zahlen. Salzburg liegt sowohl was die insgesamt gespielten Pässe als auch die Anzahl der erfolgreichen Pässe betrifft im unteren Mittelfeld aller Teams. Bei der Anzahl der Torversuche liegt man mit 83 jedoch auf Platz 5. Wie Graphik 2 anzeigt, besteht zwischen diesen beiden Größen zwar ein signifikanter Zusammenhang, allerdings ist dieser schwach ausgeprägt. Nimmt man die Größe des Zusammenhangs jedoch für einen Moment als Maßstab, zeigt sich, dass Salzburg in dieser Hinsicht einer der Ausreißer nach oben ist (der höchste Punkt stellt den VFL Wolfsburg dar). Bei der Anzahl an gespielten Pässe hätte ein durchschnittliches Team aus der heurigen Gruppenphase etwa 58 Torschüsse abgegeben, also um 25 weniger als Salzburg. Pro Spiel sind das immerhin fünf, was große Unterschiede bezüglich Torerfolg und damit Punkteausbeute hervorrufen kann.

Graphik 2
Wenn beide Kennzahlen in Verbindung zueinander gebracht werden, sieht man, wie schnell die Salzburger nach Ballgewinn umschalten und den Torabschluss suchen. Pro Torschuss spielen sie lediglich 19,38 Pässe, was der drittniedrigste Wert aller Teams ist. Lediglich Estoril Praia (15,93) und der VFL Wolfsburg (19,00) kommen noch schneller zum Abschluss als die Salzburger. Die Gruppengegner der Salzburger liegen allesamt nahe dem Mittelwert aller Teams (31,81). Es scheint, also könnte Salzburg auf europäischer Ebene seine Spielanlage noch besser umsetzen als im heimischen Ligabetrieb; in der Bundesliga spielt man pro Torschuss doch um etwas über vier Pässe mehr als in der EL. Zwar kommt man in der Liga auf circa drei Torschüsse mehr pro Spiel, allerdings landen anteilsmäßig in der Europa League mehr davon auch im gegnerischen Tor. Ein Aufschlüsselung nach Position beim Torabschluss wäre deshalb interessant, kann allerdings aufgrund der Datenlage hier nicht erfolgen.

Dieses Trachten nach dem schnellen Torabschluss erklärt auch die eingangs beschriebene niedrige Passquote. Wie in Graphik 3 dargestellt, spielen Teams mit hoher Passquote tendentiell auch insgesamt mehr Pässe, bevor sie zum Abschluss kommen. Zwar ist der Zusammenhang immer noch nicht besonders stark, aber statistisch hoch signifikant, sprich mit über 99%iger Wahrscheinlichkeit nicht zufällig. Eine niedrige Passquote ist also nicht zwangsläufig schlecht; im vorliegenden Fall wird sie zugunsten größerer Gefährlichkeit im Spiel nach vorne sogar gerne in Kauf genommen. Zu erwähnen ist natürlich auch, dass es manche Mannschaften auch schaffen, beide Ziele unter einen Hut zu bekommen. Dinamo Moskau und Dynamo Kiew etwa kommen auf eine weit höhere Passquote als Salzburg, und spielt etwa 25 (Moskau) beziehungsweise 23 (Kiew) Pässe pro Torschuss. Allerdings kommen diese auf weit weniger Tore.

Graphik 3

Es zeigt sich nämlich allgemein, dass Mannschaften, die schneller umschalten, auch weit öfter zum Abschluss kommen und deshalb auch zwangsläufig mehr Tore erzielen, obwohl der Zusammenhang im Fall der Toranzahl nur mehr schwach ausgebildet ist. Bei den Torabschlüssen zeigt sich hingegen, dass ein Pass pro Torabschluss mehr bereits dazu führt, dass über ein Schuss pro Spiel weniger abgegeben wird. Im Laufe der Gruppenphase sind das insgesamt etwa sechs Torschüsse, die nicht abgegeben werden, wenn man nur etwas langsamer umschaltet. Zwar sind nicht alle Torschüsse gleich zu gewichten, weshalb auch die Unterschiede in Bezug auf die letztlich erzielten Tore nicht allzu groß sind, allerdings kann dadurch schon die Wichtigkeit des von Salzburg praktizierten Umschaltspiels gezeigt werden. Bei durchschnittlich etwa 62 Torschüssen, also 12 pro Spiel, können sechs mehr oder weniger schon eine durchaus wichtige Auswirkung haben. 

Graphik 4 zeigt den Zusammenhang zwischen Passquote, schnellem Umschalten und Torschüssen mittels eines dreidimensioalen Scatterplots. Generell gilt, dass die Anzahl der Torschüsse mit der Schnelligkeit des Umschaltspiels steigt, allerdings auch mit der Passgenauigkeit, was ein wenig dem vorhergehenden widerspricht, beziehungsweise paradox ist, da ja die Passgenauigkeit indirekt proportional zur Schnelligkeit des Umschaltspiels ist. Hier kommt wahrscheinlich der Faktor Qualität ins Spiel, der bislang ausgespart worden war. Mannschaften mit besseren Spielern können den Ball eher in den eigenen Reihen halten und schneller nach vorne spielen, was mit den bisherigen Modellen, die alle Teams einheitlich behandelten, nicht berücksichtigt wurde. Es handelt sich bei dem Zusammenhang zwischen Torschüssen, Passquote und Umschaltspiel also wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad um eine Scheinkorrelation, obwohl das Ausmaß dieser schwierig zu modellieren ist.

Graphik 4

Wenn man die Variablen mit der Anzahl der Torschüsse jedoch mittels Regressionsgleichung analysiert, kommt man für Salzburg dennoch "nur" auf einen Wert von 66 Torschüssen, also auch wenn man die bedenkt, dass der Zusammenhang unter Umständen überschätzt wird, sind es doch noch einige Torschüsse mehr als erwartet.

Obwohl Torschüsse insgesamt nur schwach mit der Anzahl an Toren korrelieren, kann neben dem schnellen Umschalten ein zweiter Faktor als entscheidend aus den Daten herausgelesen werden, nämlich die Genauigkeit im Abschluss. 52% der Salzburger Torschüsse gehen tatsächlich in Richtung Tor, werden also nicht abgeblockt, landen nicht daneben und treffen auch nicht Aluminium. Nach Everton (58%) und Dynamo Kiew (54%) ist dies der dritthöchste Wert aller Teams. Er ist auch signifikant höher als in der Bundesliga, wo nur etwa 39% der Salzburger Schüsse ihr Ziel finden. Das führt dazu, dass fast ein Fünftel aller Salzburger Torschüsse (19,28%) auch tatsächlich zum Torerfolg führen, was wiederum der drittbeste Wert aller Teams ist, diesmal hinter den Young Boys aus Bern (23,4%) und Everton (22,2%). Auch hier ist man besser als in der Liga, in der nur etwa ein Sechstel der Torschüsse auch zum Erfolg führt. 

Die Schnelligkeit vor dem Torabschluss und die Zielgenaugikeit beim Abschluss selbst sind also Erfolgsfaktoren, die Salzburg in der Europa League besser umsetzen kann als in der heimischen Liga und die erklären, warum die Mannschaft von Adi Hütter in Europa besser abschneidet als so manches Team von höherer individueller Qualität.