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Samstag, 15. September 2018

Die Standardsituationen als Schlüssel im Spitzenspiel?

Seit dem Aufstieg vor zwei Jahren hatte der SKN gegen Salzburg üblicherweise wenig zu bestellen. In acht Partien setzte es ebenso viele Niederlagen, das Torverhältnis in diesen Spielen beläuft sich aus Sicht der Niederösterreicher auf 4:25. Die Chancenqualität war ebenfalls deutlich inferior (insgesamt 7,6 zu 17,3 xG). Während die Salzburger sich in beiden Saisonen ungefährdet den Titel holen konnten, musste St. Pölten jeweils bis zum Schluss um den Ligaverbleib zittern. 

Und doch ist beim heutigen Duell alles anders. Man begegnet sich punktemäßig beinahe auf Augenhöhe. Während die Tabellenposition der Salzburger durchaus zu erwarten war, ist der Höhenflug der Blau-Gelben eine der Überraschungen der bisherigen Saison. Erreicht wurden die bisherigen Punkte auf eher orthodoxe Art und Weise: Man überlässt dem Gegner den Ball (mit durchschnittlich 37,7% Ballbesitz kommt man auf den niedrigsten Wert aller Ligateams) und verteidigt das eigene Gehäuse mit Mann und Maus (und Fünferkette). Durch den Fokus auf Konter und die Verteidigung des eigenen Tores (mit 78% der gegnerischen Schüsse, die neben dem Tor landen oder geblockt werden, liegt man nur hinter der Wiener Austria) schafft man es bislang, sowohl offensiv als auch defensiv besser abzuschneiden, als es die Leistungen vermuten lassen würden. Ohne Elfmeter gerechnet liegt die Tordifferenz bei +4 (8:4), die erwartete hingegen fast genau umgekehrt bei etwa -4 (5,5 zu 9,8). 

Interessanterweise legt man jedoch auf eine typische Waffe vermeintlich schwacher Teams überhaupt keinen Wert. Bei Standardsituationen zählt das Team von Didi Kühbauer sowohl defensiv als auch offensiv zu den schwächsten der Liga. Im Anschluss an ruhende Bälle konnte man erst acht Schüsse abgeben, womit man gemeinsam mit Altach am letzten Platz in dieser Wertung liegt. Als einzige Mannschaft der Liga neben der Wiener Austria konnte man selbst noch kein Tor nach einer Standardsituation erzielen. Auf der Gegenseite ließ man mit bereits 23 gegnerischen Abschlüssen die mit Abstand meisten zu. Von diesen landete zwar nur einer auch im Tor, aber es bleibt abzuwarten, ob St. Pölten diese Schüsse besonders gut verteidigt oder derzeit eher etwas auf einer Glückswelle dahinreitet. Auf individueller Ebene stechen lediglich Luca Meisl (0,08 xG pro 90 Einsatzminuten) und Daniel Luxbacher (ebenso viele expected Assists) hervor.




Diese Schwäche zeigte sich bei den Niederösterreichern bereits in der so katastrophal verlaufenen Vorsaison. Nachdem Did Kühbauer das Traineramt übernommen hatte, konnte er zwar die Ergebnisse einigermaßen verbessern und stabilisieren, das Verhalten bei Standardsituationen war jedoch weit unterdurchschnittlich. Man konnte in diesen acht Runden lediglich ein Tor nach einem ruhenden Ball erzielen, was sowohl absolut als auch relativ (10%) die wenigsten waren. Gleichzeitig kassierte man die Hälfte der Gegentore nach Standardsituationen, der höchste Anteil. Vor der Amtsübernahme des Burgenländers wies man hingegen durchaus normale Werte auf (sechs von 18 erzielten, 20 von 67 kassierten).

An dieser Stelle kommt der heutige Gegner Salzburg ins Spiel. Die Mozartstädter konnten in der vergangenen Saison 16 Tore nach Standardsituationen erzielen, was ein überdurchschnittlich hoher Wert ist, aufgrund der hohen Anzahl an sonstigen erzielten Toren jedoch über die gesamte Saison den niedrigsten Anteil aller Teams (19,8%) darstellt. Die sieben erhaltenen Tore nach ruhenden Bällen hingegen stellen gemeinsam mit Rapid den besten Wert der Liga dar. Man kann sich also offensichtlich offensiv noch verbessern, defensiv hingegen hat man bereits ein hohes Niveau erreicht.

Dieses Muster spinnt sich in der laufenden Saison fort. Salzburg ist nach der Wiener Austria das defensivstärkste Team der Liga bei Standards, wie auch aus der Graphik hervorgeht. Gleichzeitig ist man neben den bereits erwähnten St. Pöltnern und der Admira das offensiv harmloseste Team in dieser Disziplin. Wenn Enock Mwepu gegen die Admira nicht nach einem Eckball eingeköpft hätte, wäre man ebenfalls in dieser Spielzeit noch torlos. Man ist damit jedoch ein Team, das weit mehr der ligaweiten Tendenz entspricht als die Niederösterreicher. Mannschaften, die nach Standards offensiv gefährlich sind, sind generell dabei auch defensiv anfällig, was darauf hinweist, dass die Verhaltensmuster bei eigenen und gegnerischen Standards sehr verschieden sind und deshalb auch unterschiedliche Schwerpunkte bei der Vorbereitung erfordern. Ein Spagat, den Teams offensichtlich nur schwierig bewältigen können.

Standardsituationen sind ein integraler Teil des Fußballs. Knapp ein Drittel aller Tore in der abgelaufenen Saison fielen nach ruhenden Bällen. In der laufenden Saison sind es erst 15%, der Wert ist nach nur sechs Spielen jedoch noch schwankend. Stärken bei Standards können dementsprechend einige Plätze Unterschied in der Tabelle ausmachen und aus einem Mittelständer beispielsweise einen Europacupkandidaten machen. Schwächen hingegen können leicht dazu führen, die gesteckten Ziele zu verfehlen und eine unentspannte Saison zu spielen.

Auch im heutigen Spiel können Standards den Unterschied machen. Für St. Pölten in erster Linie, weil das Team in dieser Wertung deutliche Defizite aufweist. Für die Gäste hingegen, die selbst noch eher unterdurchschnittliche Werte aufweisen, könnten Standardsituationen zum Dosenöffner werden. Da nicht zu erwarten ist, dass St. Pölten die reaktive Spielanlage mit massiver personeller Präsenz in der letzten eigenen Linie aufgeben wird, könnte es sich als durchaus schwierig erweisen, aus dem Spiel heraus zu Torchancen zu kommen. Die Schwäche der Gastgeber bei ruhenden Bällen auszunutzen, könnte deshalb ein durchaus probates Mittel sein, den eigenen Höhenflug fortzusetzen und den des Underdogs zu beenden.




Sonntag, 3. Januar 2016

Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Stärke und sportlichem Erfolg: Marktwert

Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Stärke und sportlicher Leistung von Fußballklubs ist mittlerweile ein allgemein bekanntes Faktum. Über je mehr Ressourcen ein Verein verfügt, umso besser schneidet er tendenziell punktemäßig ab. Der Economist hat errechnet, dass die Korrelation zwischen den Ausgaben für Spielergehälter und Punkten am Ende der Saison in der englischen Premier League zwischen den Jahren 1996 und 2014 0,55 betrug, also ein recht hohes Maß erreicht. Gemäß den Berechnungen des Ökonomen Stafan Szymanski in seinem Buch Money and Soccer. A Soccernomics Guide erreicht die Korrelation zwischen den beiden Variablen im selben Wettbewerb sogar noch höhere Ausmaße, und wuchs außerdem im Verlauf der vergangenen Jahre (seit der Gründung der Premier League in der heutigen Form 1992) noch an.

Die kausale Verbindung zwischen den ökonomischen Möglichkeiten und dem sportlichen Abschneiden ist klar: Je mehr Geld ein Team zur Verfügung hat, umso bessere Spieler kann es sich leisten, die dementsprechend bessere Resultate einfahren und am Schluss der Saison in der Tabelle weiter oben stehen als Teams mit weniger Ressourcen. Diese Beobachtung basiert auf der Annahme, dass Teams zumindest in einem gewissen Rahmen rational handeln, also nicht übermäßig viel Geld für unterdurchschnittliche Spieler ausgeben beziehungsweise auch gute Spieler nicht zu schlecht bezahlen. Die Tatsache allerdings, dass die Korrelation zwar stark, jedoch nicht perfekt (also bei 1) ist, weist darauf hin, dass wirtschaftliche Stärke zwar der wichtigste, aber nicht der einzige Prädikator für sportlichen Erfolg ist. Es gibt jedoch durchaus Marktineffizienzen und andere Faktoren wie simples Glück oder Pech, Verletzungen sowie die Qualität des Trainers können eine Rolle spielen (man denke nur an die derzeitige Saison von Chelsea FC).

Die Tatsache, dass diese Erkenntnisse vor allem auf Daten aus dem englischen Fußball beruhen, liegt daran, dass es in England weit mehr Transparenz der Klubfinanzen gibt und deshalb deren Bilanzen bis weit in vergangene Jahrzehnte zurück vorliegen (Szymanskis Berechnungen fußen auf Daten aus dem Zeitraum 1958 bis 2013 aus den ersten vier englischen Ligen). Auch die amerikanische Major League Soccer ist zumindest bezüglich der Spielergehälter ein Vorreiter. Im österreichischen Klubfußball ist diesbezüglich doch ein Defizit festzustellen, dass erst in den letzten Jahren langsam geschlossen wird. Seit einigen Saisonen veröffentliche das Onlinemagazin 90minuten wirtschaftliche Kenndaten der Klubs der ersten und zweiten Bundesliga. Damit existiert die Möglichkeit, das Verhältnis zwischen wirtschaftlichen Möglichkeiten und sportlichem Erfolg im österreichischen Klubfußball zu untersuchen.

Dieser Beitrag analysiert diesen Zusammenhang in zwei Teilen. In diesem ersten Teil benütze ich als Indikator für wirtschaftliche Stärke den Marktwert der Teams laut der Website Transfermarkt. Dieser Wert ist, wie ich in einem früheren Beitrag gezeigt habe, ebenfalls ein guter Prädikator für den sportlichen Erfolg im Klubfußball. Im zweiten Teil untersuche ich dann den Zusammenhang zwischen Umsatz beziehungsweise Personalkosten und dem sportlichen Erfolg. In beiden Teilen werde ich basierend auf den Ergebnissen Prognosen für die Punktausbeute in der laufenden Saison aufstellen und mit dem derzeitigen Abschneiden vergleichen. Aufbauend auf den Ergebnissen der ersten beiden Teile werde ich zudem in einem separaten Beitrag die Rolle der Trainer analysieren und aufzeigen, welche kontinuierlich mehr Punkte als erwartet holen, welche im erwarteten Bereich liegen und welche darunter. Alle Berechnungen beziehen sich dabei lediglich auf die Bundesliga, möglicherweise werde ich auch in Zukunft die Erste Liga in die Analysen miteinbeziehen.

Der Marktwert eines Teams basiert zwar lediglich auf Schätzungen und ist deshalb kein objektiver Wert, funktioniert allerdings wie bereits recht gut als Indikator für die Qualität eines Teams. Die Logik funktioniert gleich wie bei Umsatz und Gehaltsausgaben; Teams mit mehr wirtschaftlichen Möglichkeiten können bessere Spieler verpflichten beziehungsweise gute Spieler länger halten, weshalb sie sportlich besser abschneiden. Im Gegensatz dazu haben Teams mit weniger zur Verfügung stehenden Mitteln tendenziell qualitativ niedrigere Kader, was sich in niedrigeren Punktzahlen am Saisonende widerspiegelt.

Für die vorliegende Analyse ziehe ich den Durchschnittsmarktwert eines Teams im September einer jeden Saison heran. Zu diesem Zeitpunkt ist das Sommertransferfenster geschlossen, weshalb dieser Wert derjenige ist, mit dem der Großteil der Spiele bestritten werden muss, ohne durch Transfer (egal ob Zu- oder Abgänge) die Qualität des Kaders beeinflussen zu können (mit Ausnahme bereits zuvor vereinsloser Spieler). Zwar ändert sich der Durchschnittsmarktwert eines Teams im Laufe der Saison, allerdings sind diese marginal und korrelieren mit der abhängigen Variable, der sportlichen Performance. Wenn ein Team eine gute Saison spielt, steigt tendenziell auch sein Marktwert. Diese Veränderungen in die Berechnungen miteinzubeziehen hieße also möglicherweise, den Zusammenhang zu überschätzen. Der Untersuchungszeitraum in diesem Fall sind die Saisonen zwischen 2010 und 2015, weshalb ich genau 50 Untersuchungseinheiten habe (fünf Saisonen mit jeweils fünf Teams). Der Durchschnittsmarktwert wurde aufgrund der nicht-normalen Verteilung logarithmiert.

Graphik 1 zeigt den Zusammenhang zwischen dem logarithmierten Durchschnittsmarktwert und den Punkten am Ende der Saison. Die blaue Linie zeigt die lineare Regressionsgerade, die grauen Schatten 95%-Konfidenzintervalle. Der Zusammenhang ist statistisch höchst signifikant, wie nicht anders zu erwarten war. Die Korrelation wiederum erreicht ein Niveau ähnlich dem der Berechnung des Economist. Gut die Hälfte der Varianz der Punkteanzahl der Teams kann mittels des Marktwerts erklärt werden. Die Punkte in der Graphik wurden je nach Team unterschiedlich eingefärbt, um bereits erste Rückschlüsse zu ermöglichen, welche Klubs mehr oder weniger Punkte als erwartet holten. Tendenziell finden sich bei allen Teams Punkte sowohl unter als auch über der Regressionslinie, sie spielten also sowohl über- als auch unterdurchschnittliche Spielzeiten in Anbetracht ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Graphik 1

Einige der prominentesten Ausreißer nach oben (Teams deren Punkte in der Graphik sehr weit links und weit über der blauen Linie finden) sind Aufsteiger. Teams wie die Admira, Altach und Grödig holten in ihren jeweils ersten Jahren in der Liga in diesem Zeitraum weit mehr Punkte als erwartet. Im Durchschnitt holten die fünf Aufsteiger knapp 17 Punkte mehr in ihrer Premierensaison als ein Team mit gleichem Marktwert geholt hätte. Dieser Umstand wird bei den Prognosen beachtet.

Aufbauend auf einem Regressionsmodell, in dem ich die Punkteanzahl jedes Teams am Saisonende sowohl auf den Durchschnittsmarktwert als auch auf eine Dummy-Variable für die Aufsteiger regressiere, lässt sich für jede Saison für jedes Team die finale Punktezahl prognostizieren und diese mit den tatsächlich erreichten Punkten vergleichen. Diese Differenz summiert für jeden Verein während der fünf Spielzeiten zeigt Graphik 2.

Graphik 2

Am meisten Punkte über den Erwartungen holte dabei Altach, die nicht nur besser als die ohnehin ständig guten Aufsteiger abschnitt, sondern dank eines starken Finish im Herbst wiederum über den Erwartungen liegt. Die SV Ried ist ebenfalls ein konstanter Overperformer. Von den „großen Vier“ sind Sturm und Rapid unter den Teams mit einem positiven Saldo, dazu kommt noch Wiener Neustadt, das sich erstaunlich lange in der obersten Spielklasse halten konnte. Die verbleibenden neun Vereine holten zwischen 2010 und 2015 allesamt insgesamt weniger Punkte als erwartet, wobei die Unterschiede für die meisten im vernachlässigbaren Bereich liegen (etwas Streuung ist bei derartigen Prognosen nicht zu vermeiden, vor allem in einem Spiel wie Fußball, in dem Zufall, Glück, Pech und knappe Entscheidungen eine derart wichtige Rolle spielen). Außerdem können Durchschnittswerte wie die in Graphik 2 auch etwas täuschen; so ist die Wiener Austria zwar insgesamt unterdurchschnittlich, allerdings auch für die beste Saison im gesamten Untersuchungszeitraum verantwortlich (+26,5 Punkte in der Meistersaison 2012/13). Problematische Ausmaße bei der Differenz zwischen erwarteten und tatsächlichen Punkten lösen sich zudem von selbst; die vier schlechtesten Teams in Graphik 2 sind allesamt innerhalb des Untersuchungszeitraums abgestiegen, die nächsten beiden sind zudem für heuer heiße Abstiegskandidaten (die Admira ist für heuer keineswegs über den Berg).

Die Prognosen für die heurige Saison sind in Graphik 3 dargestellt. Neben der prognostizierten Punkteanzahl enthält die Graphiken Fehlerbalken. Diese markieren den Bereich, innerhalb dessen das Team zum Ende der Saison mit 95%iger Wahrscheinlichkeit punktemäßig liegen wird.

 
Graphik 3
 
Die Prognosen lassen eine relativ deutliche Zweiteilung der Liga erkennen. An der Spitze liegt Salzburg, das noch einmal einen Sonderfall darstellt und in jedem Jahr weit vor allen anderen Teams in Bezug auf den Durchschnittsmarktwert liegt. Um nicht Meister zu werden, muss man nicht nur selbst weit unter den Erwartungen liegen, sondern es muss auch ein anderes Team weit über den Möglichkeiten spielen, wie es im Untersuchungszeitraum Sturm 2010/11 und der Wiener Austria 2012/13 gelang. Es ist relativ sicher zu sagen, dass trotz des derzeit noch bestehenden Unterschieds zwischen erwarteten und geholten Punkten (siehe Graphik 4) auch in dieser Saison der Meister wieder Salzburg heißen wird, was sich auch mit anderen Prognosen deckt. Dahinter sind die restlichen „großen Vier“ sowie Mattersburg, das aufgrund der guten Performance der bisherigen Aufsteiger sehr hoch bewertet wird und durchaus um den Europacup mitspielen könnte. 

In der zweiten Hälfte der prognostizierten Tabelle spielen die Teams im Wesentlichen allesamt gegen den Abstieg. Der Erwartungsbereich aller Teams überschneidet sich, womit grundsätzlich viel möglich ist, was sich auch in der derzeitigen Tabellensituation widerspiegelt. Die derzeit weiter vorne befindlichen Teams sind interessanterweise eher die, die am niedrigsten bewertet werden, während sich die beiden am höchsten eingeschätzten Teams aus der zweiten Tabellenhälfte (Ried und Wolfsberg) am Tabellenende wiederfinden. 

Damit kommen schon wir zur letzten Graphik des Beitrags. Graphik 4 zeigt den Unterschied zwischen der Anzahl an Punkten, die für den derzeitigen Zeitpunkt prognostiziert wurden, und den tatsächlich erreichten Punkten und ordnet die zehn Teams dementsprechend. 

 Graphik 4

Wir sehen, dass gut die Hälfte der Teams mehr Punkte geholt hat als erwartet (dies ist möglich, weil Fußballergebnisse seit Einführung der Dreipunktregel kein Nullsummenspiel mehr sind). Die größte positive Differenz weist dabei die Admira auf, die mehr als zehn Punkte über den Erwartungen geholt hat. So wie im Fall von Grödig sind das Punkte, die im Abstiegskampf von entscheidender Bedeutung sein könnten. Auch die beiden Wiener Vereine konnten mehr Punkte einfahren als erwartet, Altach wie bereits erwähnt ebenso. Sturm liegt hingegen im Bereich des Erwarteten. Auf der anderen Seite liegen Ried und Wolfsberg am Tabellenende, weil die Ergebnisse schlechter waren als erwartet. Das heißt allerdings nicht, dass sie unbedingt schlechter sind als die anderen Teams. Wie ich bereits mehrfach erwähnte, sind Ergebnisse nur schwache Abbilder der tatsächlichen Leistungen und können deshalb über die tatsächliche Qualität eines Teams täuschen. Deshalb ist wohl auch im Abstiegskampf noch vieles möglich.

Mattersburg performt interessanterweise etwas besser (circa drei Punkte) als man von einem Team mit diesem Marktwert erwarten würde, fällt allerdings im Vergleich mit den anderen bisherigen Aufsteigern etwas ab. Es wird sich weisen, ob sie die Serie der starken Aufsteiger im Frühjahr fortsetzen können und dementsprechend in dieser Wertung noch nach oben klettern. Im Falle von Salzburg wiederum erscheint der Trainerwechsel zumindest in Bezug auf die Punkteausbeute gerechtfertigt zu sein.

Samstag, 21. November 2015

Clásico preview: two ever-closer teams?

Ahead of tonight's clash between probably the two best teams in the world, there are still some issues which are open and up for an educated guess. Besides some personal issues (for instance concerning the state of James or Messi), one of the most interesting questions will be how both teams will start the game in tactical and stylistic terms. Times in which the games between these two clubs were not only battles of club culture and transfer philosophies but also of playing styles are over. Instead, both clubs have come closer in certain aspects, for instance in terms of transfer spending. A closer analysis of some KPI of the last eight liga clásicos shows that this process also takes place in terms of playing style. Meanwhile the games between the clubs when coaches of the likes of Mourinho and Guardiola were in office were marked by a strict antagonism of reactive and rigid, transition-based football applied by Real Madrid and the uncompromising possession football of Guardiola's Barça, changes of managers have led to the evolution of both clubs' playing style away from the ideal points in the continuum between possession- and transition-based football.

In the first four of these eight games, in which Real Madrid were still under the command of José Mourinho, Barcelona clearly dominated possession. They never had less than 60% of it, the values in games against Real Madrid were furthermore only slightly lower than in all the other games. Mourinho did in other words normally not try to obstruct Barcelona's usual style of play but was happy to let them take the initiative, let his own team sit deep and wait for the opponent's errors in order to exploit them rapidly. His team played on average only slightly more than 300 passes in these four games, way below the average value in these two seasons (538 in 2011/12 and 478 in 2012/13, respectively). He adapted his own tactics while not trying to force Barcelona into adapting theirs. At least in these four games, his approach was quite successful; Madrid won two of them and lost only one. Aggregate TSR and STR values of these four games (0.57 and 0.59 in favour of Real Madrid) also show that success in these games was not down to luck, but in general the tactics employed by Mourinho's Madrid were effective in containing Barcelona's attacking power. 

The pattern since then has changed. The number of passes played by Real Madrid in direct duels has risen constantly, meanwhile that of Barcelona declined steadily. In other words, Madrid under Mourinho's successor Ancelotti adapted a more active style in trying to have more of the ball and at the same time destroying Barcelona's game earlier and higher up the pitch. Although they still played less passes against their rivals than against other teams on average with a slightly lower success rate, they also allowed them to play less passes. Graph 1 shows this development, using as indicators the percentage of all passes in the respective game played by Real Madrid and the team's pass success.

Graph 1
Data shows the important differences between Mourinho's and Ancelotti's sides. Meanwhile in the four earlier games Real Madrid played 30 or less percent of all passes in all but one game, they played less than 40% only in one of the latter games. Similarly, passing success was constantly below 80% under Mourinho's mandate but only once while Ancelotti was in office. Again, Madrid also had a higher pass rate under Ancelotti in all other games than under Mourinho, but differences were only minor in those, meanwhile it dropped sharply when facing Barça under Mourinho's reign and much less under Ancelotti's. Interestingly, Ancelotti's approach in games against the rival did not turn out to be as successful as Mourinho's pragmatism. His team won only one game and lost the remaining three, a much worse balance than his predecessor's. Like results, also performance indicators had declined in comparison to the four games under Mourinho (TSR to 0.47 and STR to 0.53).

Pass success rate is among other factors (such as passing skill of the passer, the positioning of his team mates, height and intensity of the opponent's pressing, etc.) strongly dependent on the length of passes played. Simply put, the longer a pass is, the lower the probability it is completed, since the difficulty of placing it correctly increases with distance. The data of graph 1 lets one suppose therefore that Real Madrid also played more short passes in direct confrontations with los culés in the latter games than when Mourinho was in charge. 

Graph 2 confirms this hypothesis. In each of the games under Mourinho, at least one in five passes was longer than 25 yards. In one game, the rate was even below 70%, although in general Mourinho did not take a long ball approach. In all games, the rate of passes shorter than 25 yards was slightly below 90%. This underlines again the altered approach Mourinho usually opted for against Barcelona. In line with the reliance on deep defending and quick counter attacks, his team did not waste a lot of time trying to keep the ball in possession, but rather tried to pass it quickly into more dangerous zones after winning it back in their own half. Under Ancelotti, the rate was below 80% under once and almost reached 90% in his second year. In other words, the style of his team against Barcelona in terms of passing was almost undistinguishable from the one in games against other opposition.

Graph 2
On the other hand, the curve of Barcelona is much smoother than the one of their counterparts. Under Guardiola's successor Tito Vilanova (games 3 and 4), they played even more short passes, while the rate during the respective first game under the following coaches Martino and Enrique. 

Since it is relatively hard to determine whether these statistics are based solely on altered approaches in single games (although it is likely) or down to a more profound evolution of a team's playing style and in order to put them in context, graph 3 shows a comparison of some of the style-relevant indicators over the full seasons. The values were calculated by dividing Real Madrid's average by Barcelona's. Hence, if the value is below one, Barcelona displayed a higher value in comparison to their counterparts and vice versa. 

Graph 3
Indeed, values in 19 out of 20 observations (four KPI in five seasons) are below one, hence Barcelona performed "better" in these terms than Real Madrid. There is however an interesting development going on. Additionally, differences are not equal among KPI. The lines of pass success and the percentage of short passes are relatively constant and not much below one, i.e. the differences between Barcelona and Real Madrid were only minor and did not change a lot during the last four seasons and the current one. The differences in possession and passes per game are much more pronounced and volatile. If we look at the evolution of the differences over time, we observe a trend towards 1 for all indicators. In other words, the teams are becoming more similar in terms of playing style in the long term. The value of each indicator is higher in this season than they were in 2011/12, the last one in which Real Madrid managed to win the league. There was a sharp decline for all indicators in the following season, the last one under Mourinho, and a smaller one between the first and second season under Ancelotti. The long-term development is in any case upward. Under their new manager Benítez, Real Madrid manage for the first time a better pass success rate than their Catalan counterparts, although values for this season are still based on a quite low number of games. The game tonight will show to which dimension the positive trend in this season is down to substantial development.

What can we then take out of these findings and expect for tonight's game? Despite the ongoing trend of harmonization of the teams' playing style, it is still the case that Barcelona tend more towards a possession-based football style. They had more of the ball in all of the last clásicos and will probably do so today as well. In line with last year's games, their amount of possession will however be most likely between 50 and 55% and not above 60. Both teams will play roughly the same percentage of their passes short and have more or the less the same pass success rate. The biggest unknown besides the fitness level of some key players is Rafa Benítez, who will coach in a clásico for the first time and won only four out of his eleven games as a coach against Barcelona. His regularly underlined focus on his teams' balance indicates that he might be more of a pragmatist in the sense of Mourinho than an Ancelotti-like idealist when it comes to facing Barça. In this case, it would not be too surprising if he decided to play Casemiro, benched two of his galactic offensive players (probably Isco and James) and ordered his team to stay deep and narrow, exploiting Cristiano's and Bale's pace in offensive transitions. His team's numbers are however the most similar to Barcelona of any Madrid team of the last years, which is why he might also opt for a more proactive approach tonight. What is clear is that the game will no more represent a clash of football style civilization as it did some seasons ago.

All data extracted from whoscored.com.


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Samstag, 17. Oktober 2015

Schusslokalisierungen: Eine erste Annäherung

Um Tore zu erzielen, muss man den Ball auf das Tor schießen. Eine recht triviale Einsicht, die jedoch einigen Raum für weitergehende Analysen lässt. Zum Abschluss zu kommen ist ein guter Indikator, um die Leistung eines Teams einzuschätzen, sowohl in einzelnen Spielen als auch über einen längeren Zeitraum gesehen. Modelle, die Mannschaften aufgrund ihrer abgegebenen und zugelassenen Schüsse einschätzen, sind, wie viele Untersuchungen gezeigt haben, valider als solche die auf einfachen Statistiken wie Toren oder Punkten basieren. Methoden basierend auf Leistungsindikatoren wie TSR, STR und xG (Expected Goals) werden zunehmend herangezogen, um die Leistung von Teams unabhängig von den nackten Ergebnissen zu beurteilen und mögliche Divergenzen zwischen den sportlichen Leistungen und dem Abschneiden in der Tabelle zu erklären.

Nach knapp einem Drittel der Meisterschaft lügt die Tabelle natürlich noch (sie tut es aus statistischer Sicht gesehen auch noch nach 36 Runden, aber das sei einmal dahingestellt) in dem Sinn, dass Glück und Zufall beim Zustandekommen der Ergebnisse, die zur derzeitigen Konstellation führten, wahrscheinlich eine nicht vernachlässigbare Rolle gespielt haben. Die Tabelle bildet daher unter Umständen die wahre Leistungsstärke der Teams nur unzureichend ab. Eine Analyse der Schussstatistiken, ihrer Häufigkeiten und ihrer Lokalisierung ist deshalb dazu geeignet, sich der wahren Performance der Teams anzunähern und etwaige Unterschiede zwischen Leistung und Punkten aufzuzeigen. Zusätzlich kann darauf eingegangen werden, was die bisher erfolgreichen Teams gut gemacht haben und wobei es bei den derzeitigen Nachzüglern hapert.

Bereits vor einigen Wochen, nach neun Runden, also dem Viertel der Meisterschaft, habe ich auf Twitter einige Statistiken verbreitet, wozu auch Schussstatistiken zählten. Eine der überraschendsten Erkenntnisse damals war, dass sowohl TSR als auch STR Sturm Graz als bestes Team der Liga auswiesen, was wohl sehr viele Zuseher eher bezweifeln würden (mittlerweile hat Salzburg die beste TSR der Liga, bei der STR liegt aber weiterhin Sturm in Front). Sturm profitierte dabei vor allem von der starken Defensive, die ligaweit die mit Abstand stärkste war, was Schussstatistiken betrifft. So hatte man in den ersten neun Runden nur je drei Schüsse aufs Tor pro Spiel zugelassen; im Spiel nach vorne hatte man jedoch gegenüber Salzburg das Nachsehen. Auf der anderen Seite war auffallend, dass Admira und Altach die ungefährlichsten Teams der Liga waren und als einzige keine dreistellige Anzahl an Schüssen abgegeben hatten. Der Unterschied in der Tabelle zwischen diesen beiden Teams ist also bemerkenswert, umso mehr als sie sich in Bezug auf die zugelassenen Schüsse nicht grob voneinander unterschieden. Ebenfalls von Interesse waren die Daten von Aufsteiger Mattersburg, das bei der offensiven Produktion recht ordentlich abschnitt, defensiv jedoch das Scheunentor der Liga war und in den ersten neun Runden im Schnitt mehr als sechs Schüsse aufs Tor zuließ (die Daten haben sich angesichts zweier eher desolater Spiele in den folgenden Runden nicht verbessert).

Seitdem sind die Befunde nicht gravierend anders geworden, haben sich allerdings ein wenig verschoben. Graphik 1 zeigt mit aktuellen Daten den Zusammenhang zwischen abgegebenen Schüssen und erzielten Toren. Salzburg ist weiterhin vor Sturm das Team mit den meisten abgegebenen Schüssen, die Admira ist weiterhin Schlusslicht in dieser Kategorie. Altach hingegen hat stark aufgeholt und nähert sich bereits den beiden Wiener Großklubs an.

Graphik 1

Die Graphik erlaubt auch, die Schussverwandlungsrate der Teams abzulesen und zu vergleichen. So hat beispielsweise Schlusslicht Wolfsberg insgesamt zwei Schüsse mehr als Tabellenführer Rapid abgegeben, jedoch weit weniger davon im Tor utnergebracht. Altach wiederum hat gleich viele Tore wie Sturm Graz erzielt (zwölf), allerdings dafür 38 Schüsse weniger gebraucht. 

Das Problem daran ist, dass die Rate, mit der Schüsse in Tore umgewandelt werden, für Teams alles andere als stabil ist. Insgesamt endeten knapp 11% der Schüsse als Tore, was ein erwartbarer Wert ist. Einzelne Teams weichen derzeit noch von dieser Rate ab, werden sich ihr wahrscheinlich im Laufe der Saison noch annähern, zum Guten und zum Schlechten. So ist es beinahe unmöglich, dass die Admira ihre Rate von 16,5% über die gesamte Saison beibehalten wird können. Sobald sie auf einen realistischeren Wert sinkt, wird auch der Höhenflug in der Tabelle wahrscheinlich ein Ende haben und die Admira nach unten rutschen. Auch Mattersburg, Rapid und mit Abstrichen die Austria sind von einem ähnlichen Abfall bedroht. Ried (5%), Sturm (7%) und Wolfsberg (4%) hingegen können darauf hoffen, dass sich die Regression zum Mittelwert im Laufe der restlichen Saison in der Tabelle zu ihren Gunsten auswirken wird. Die sonstigen Teams Altach, Grödig und Salzburg liegen in etwa dort, wo ein durchschnittliches Team bezüglich Schussverwandlungsrate erwartungsgemäß liegen würde, mit etwas Luft nach oben für Altach und nach unten für die beiden Salzburger Klubs.

Die bisherigen Überlegungen behandelten alle Schüsse gleich, ganz gleich, von wo sie abgegeben wurden. Nun ist allerdings offensichtlich, dass diese Annahme verzerrt ist. Ein Schuss aus vierzig Metern nahe der Seitenlinie ist was Gefährlichkeit für das gegnerische Tor, also die Wahrscheinlichkeit, zum Erfolg zu führen, betrifft doch wesentlich anders einzuordnen als ein Schuss knapp vor dem Tor aus zentraler Position. Basierend auf diesen Annahmen und weiteren Parametern (beispielsweise ob Schuss mit dem Kopf oder dem Fuß, Art des Assists, etc.) weisen xG-Modelle jedem Schuss eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu, im Tor zu landen. 

Ich setze ein ähnliches, jedoch etwas simpleres Verfahren ein und unterscheide lediglich zwischen Schüssen von innerhalb der Gefahrenzone und von außerhalb. Die Gefahrenzone ist ein Teilbereich des Strafraums und besteht aus dem Torraum sowie dem Raum, der von einer gedachten Linie von den Längsseiten des Torraums bis zur Strafraumlinie sowie von dieser selbst umschlossen wird. Schüsse aus dieser Zone haben naturgemäß eine weit höhere Erfolgswahrscheinlichkeit als solche von außerhalb derselben (im Fall der bisherigen elf Runden liegt dieser bei über 20%). Je mehr Schüsse ein Team innerhalb dieser Zone abgibt, desto besser Erfolgsaussichten hat es also. Gleichzeitig kann dies als ein Qualitätsindikator angesehen werden, da diese Zone naturgemäß am stärksten verteidigt wird, es also besonders schwierig ist, dort zum Abschluss zu kommen. Umgekehrt sind Mannschaften niedriger einzuschätzen, je mehr Abschlüsse sie in dieser Zone zulassen.

Graphik 2 zeigt die Summe der Schüsse aus der Gefahrenzone, sowohl die der abgegebenen (x-Achse) als auch die der zugelassenen (y-Achse). Die schwarze vertikale sowie horizontale Linie zeigt den Durchschnitt aller Teams an (~48). Teams rechts der vertikalen Linie sind also offensiv überdurchschnittlich gut, Teams unterhalb der horizontalen Linie wiederum verteidigen die Gefahrenzone besonders gut. Die objektiv besten Mannschaften finden sich also im rechten unteren Eck, die schwächsten demgemäß im linken oberen. Teams in den anderen beiden Vierecken haben unterschiedliche Probleme.

Graphik 2

Wenig überraschend ist, dass sich im linken unteren Feld die vier Teams befinden, die man landläufig für die besten vier der Liga hält. Während Salzburg das offensiv beste Team der Liga ist und etwa gleich gut verteidigt wie Sturm und die Austria, ist Rapid am stärksten darin, den Gegner von der Gefahrzone fernzuhalten. Allerdings ist Rapid offensiv nur die viertbeste Mannschaft der Liga. Sturms Stärke in der Defensive, die man von nackten Schussdaten sowie TSR und STR ablesen kann, wird durch diese Auswertung wiederum etwas relativiert; in den neuralgischen Zonen funktioniert die Verteidigung nicht so einwandfrei wie man insgesamt vermuten könnte. Die Austria ist wiederum in beiden Bereichen noch überdurchschnittlich gut, allerdings unter den Top Vier eindeutig die schwächste Mannschaft. 

Am gegenüberliegenden Rand des Spektrums finden sich drei Teams, die punktemäßig bislang höchst unterschiedlich abschnitten, die man allesamt aber eher am unteren Ende des Leistungsspektrums einschäzen konnte. Grödig und Ried finden sich leistungsmäßig in etwa auf demselben Level, wobei Grödig defensiv und Ried offensiv etwas besser ist. Die wahre Überraschung ist jedoch die Admira, die insgesamt das wohl schwächste Team der Liga ist. Wie ich bereits vor einiger Zeit in einem Tweet darlegte, ist der punktemäßige Höheflug der Admira wohl kaum ein Indikator guter Leistungen und wird auch kaum noch lange anhalten.

In der Mitte der Graphik finden sich zwei Teams, die ziemlich durchschnittliche Leistungen brachten, allerdings derzeit zumindest weit hinten in der Tabelle stecken. Altach ist das einzige Team, das offensiv unterdurchschnittlich und gleichzeitig defensiv überdurchschnittlich gut ist. Man lässt nicht viel zu, kreiert allerdings auch nicht allzu viel. Wolfsberg wiederum spielt zumindest dieser Auswertung nach alles andere als wie ein Abstiegskandidat. Man stellt die fünftbeste Offensive der Liga und liegt in dieser Hinsicht noch vor der Wiener Austria. Defensiv liegt man nur knapp schwächer als der Ligadurchschnitt und lässt vier andere Teams teilweise deutlich hinter sich. Das legt nahe, dass das Abschneiden in der Tabelle tatsächlich zu einem nicht unbedeutenden Teil vom vielbeschworenen Abschlusspech beeinflusst wird. Der niedrigste PDO der Liga weist jedenfalls auch in diese Richtung. 

Generell weisen die Beobachtungen, also die einzelnen Teams, einen indirekt proportionalen Zusammenhang auf: Je mehr Schüsse aus der Gefahrenzone eine Mannschaft abgibt, desto weniger lässt sie tendenziell auch zu. Offensivstarke Teams sind also in der Regel auch defensivstark und vice versa. Die Daten von neun der zehn Teams könnte man anhand einer linearen Trendlinie relativ gut vorhersagen. Lediglich Mattersburg ist in Graphik 2 ein deutlicher Ausreißer. Offensiv ist der Aufsteiger auf einer Höhe mit den Europacupstartern Rapid und Sturm, defensiv ist man hingegen das schwächste Team der Liga. Die Frage ist, ob sich dieses riskante Spiel auf Dauer auszahlen wird oder ins Auge gehen wird. Auf jeden Fall spielt Mattersburg diese Saison auf des Messers Schneide.

Die Gründe für dieses seltsame Bild der Mattersburger Schussstatistiken sind unklar und können sowohl taktischer als auch qualitativer Natur sein. Graphik 3 gibt zum Abschluss einen Hinweis darauf, der zumindest die gute Offensivdaten der Burgenländer miterklären könnte. Sie zeigt die Teams geordnet nach dem Prozentsatz aller Schüsse, die innerhalb der Gefahrenzone abgegeben wurden.

Graphik 3

Die Burgenländer liegen dabei eindeutig und mit Abstand an der Spitze der Wertung. Beinahe die Hälfte ihrer Schüsse geben sie aus der besonders gefährlichen Zone ab. Das heißt auch, dass sie Ballbesitz nicht mit wahrscheinlich ungefährlichen Schüssen vergeuden, auf die unter Umständen noch ein gefährlicher Gegenstoß folgen könnte. Hervorragend in dieser Auswertung schneiden auch Rapid und wiederum Wolfsberg ab, was erneut darauf hinweist, dass die Lavanttaler noch aus dem Keller kommen können, wobei diese Statistik selbst natürlich kein besonders tauglicher Qualitätsindikator ist. Die nächsten vier Teams im Ranking wiederum liegen recht nahe beieinander, etwa um ein Drittel. Am Ende wiederum finden sich jene drei Teams, die auch in Graphik 2 bereits schlecht abschnitten. Ried, Grödig und die Admira haben augenscheinlich nicht nur Probleme beim Kreieren eigener Chancen und dem Verhindern gegnerischer, sondern verschwenden auch viel Zeit, Energie und Ballbesitz mit Torschussversuchen aus wenig aussichtsreichen Positionen.

Abschließend stellt sich die Frage, wie diese Daten zu interpretieren sind, beziehungsweise was sie über den restlichen Verlauf der Meisterschaft aussagen können. Zwar sind sie keine determinativen Predikatoren der weiteren Ergebnisse, allerdings ist durchaus zu erwarten, dass sich Ergebnisse von in Schussdaten positiv abschneidenden Teams noch verbessern, während Klubs mit schwachen Statistiken eher in der Tabelle nach unten gereicht werden können. Es gibt daher einige Konklusionen, die man aus den oben präsentierten Daten ziehen kann:

  • Der Titelkampf bleibt weiterhin ein Rennen auf Augenhöhe zwischen Rapid und Salzburg. Während Salzburg bei allen Schüssen insgesamt besser abschneidet, hat Rapid bei den Schüssen aus der Gefahrenzone leicht die Nase vorne.
  • Sturm sollte sich auf jeden Fall in den Europacupplätzen einreihen können. Die Austria muss sich hingegen weiter steigern.
  • Bei Mattersburg kann der Pfeil in den kommenden Wochen in beide Richtungen zeigen.
  • Die Admira wird nicht mehr lange so weit oben stehen. Die bereits gesammelten Punkte sind jedoch natürlich ein Trumph im Abstiegskampf.
  • In diesem sehe ich mittelfristig vor allem Ried und Grödig, bei denen sowohl Ergebnisse als auch die Leistungen bisher mit die schwächsten waren.
  • Altach und Wolfsberg werden die Klasse halten können.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Update und Fazit zu Villarreal gegen Salzburg

Es hat nicht gereicht. Insgesamt war man zwar während fünfzehn Minuten auf Aufstiegskurs, insgesamt bekam man allerdings doch deutlich die Grenzen aufgezeigt. Das Gesamtscore von 5:2 zugunsten von Villarreal zeigt auch, dass ein Aufstieg Salzburgs in die nächste Runde nicht verdient gewesen wäre. 

Auch die Daten, die mit Toren sehr hoch korrelieren, nämlich den Schüssen, zeigte sich Villarreal über beide Partien stärker, weshalb man sich auch durchsetzen konnte. Graphik 1 zeigt, dass Salzburg zwar insgesamt in beiden Spielen öfter in Richtung gegnerisches Tor geschossen hat (24 gegenüber 20), allerdings traf Villarreal das gegnerische Tor häufiger, sowohl absolut (13 gegenüber 9) als auch relativ (65% der abgegebenen Schüsse erreichten das gegnerische Tor, bei Salzburg hingegen nur etwas mehr als halb so viele, nämlich 37,5%).

Graphik 1

Das hängt natürlich auch mit den Schusszonen zusammen. Villarreal gab genau drei Fünftel der Schüsse von innerhalb des gegnerischen Strafraums ab, während es bei Salzburg nur genau die Hälfte waren. Insgesamt ist das zwar angesichts der guten Strafraumverteidigung Villarreals, die im letztwöchigen Porträt ausführlich diskutiert wurde, ein guter Wert, dennoch war es letztlich zu wenig Gefahr, die Salzburg kreieren konnte. Dazu gelang es Villarreal zu oft, in gefährliche Zonen einzudringen und dort zum Abschluss zu kommen. 

Graphik 2 zeigt, wie sich das Schussverhältnis während der gesamten 180 Minuten entwickelte, dargestellt aus der Sicht von Villarreal (Werte über 0,5 zeigen also ein Übergewicht von Villarreal an). Es zeigt sich, dass Villarreal im Hinspiel zu Beginn das Kommando übernahm, und Salzburg bis Minute 26 zu überhaupt keinem Schuss kam. Danach konnte Salzburg das Verhältnis etwas zu seinen Gunsten verändern, ohne allerdings in den positiven Bereich, also unter 0,5 zu kommen. Auf diese leichten Verbesserungen folgte das erste Tor von Villarreal. Darauf folgend konnte Salzburg zwar bei der TSR (total shot ratio) wieder aufholen, allerdings gelang kein einziger Schuss auf das Tor, weshalb die wichtigere, weil aussagekräftigere STR (shot on target ratio) sich zwischen 1:0 und 1:1 nicht veränderte. Der Effekt durch den Ausgleich währte jedoch nicht lange, bereits nach wenigen Minuten und der erneuten Führung durch Cheryshev war man auf ähnlichen Levels wie vor dem Ausgleich. Unmittelbar nach der erneuten Führung folgte eine Drangphase Villarreals, in der beide Metriken noch einmal nach oben gingen. Etwa ab Minute 60 gab sich Villarreal jedoch mit dem Ergebnis weitgehend zufrieden. Salzburg konnte durch einige Abschlüsse die TSR bis zum Abpfiff zwar noch auf 0,5 drücken, die STR blieb jedoch knapp unter 0,7, was eine durchaus starke Dominanz Villarreals ausdrückt.

Graphik 2. Die gestrichelten vertikalen Linien zeigen die Minuten an, in denen die Tore fielen.


Im Rückspiel passierte eine Viertelstunde genau gar nichts, ehe Salzburg mit dem ersten Schuss in Führung ging. Nach diesem Tor konnte Salzburg sogar noch etwas nachlegen, ehe der Ausgleich die Situation verkomplizierte. Wie im Hinspiel beendete Villarreal starke Phasen der Salzburger mit Gegentoren, was die Klasse dieses Teams nur unterstreicht. Nach dem Ausgleich passierte nämlich länger nichts, ehe Salzburg nach einem kurzen Aufflackern der Qualität Villarreals beide Metriken sukzessive nach unten schraubte. Man näherte sich an das Tor, das die Verlängerung bedeutet hätte, mittels Abschlüssen an. Die TSR lag zwanzig Minuten bei 0,44, also niedriger als irgendwann sonst in beiden Partien. Auch die STR konnte auf 0,55 gesenkt werden, was den niedrigsten Wert seit dem Zeitpunkt unmittelbar vor dem 1:0 im Hinspiel darstellt. Wiederum allerdings ging der Schuss nach hinten los; als man kollektiv sehr weit aufgerückt war, spielte Villarreal zwei ihrer präzisen Konter und beendete alle Aufstiegsmöglichkeiten der Salzburger. Diese beiden Abschlüsse korrigierten die Metriken aus Sicht von Villarreal wieder etwas nach oben auf das Niveau, auf dem sie auch nach dem Schlusspfiff zu Liegen kamen (TSR 0,45; STR 0,59).

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass Villarreal über beide Partien gesehen die bessere Mannschaft war. Die STR lag nie unter 0,5 und erst in der letzten halben Stunde des Rückspiels unter 0,6. Salzburg konnte zwar phasenweise recht gut dagegenhalten und vor allem im Rückspiel die Metriken einigermaßen verbessern, machte allerdings einerseits zu wenig aus den eigenen Möglichkeiten, und war andererseits im Anschluss an eigene Möglichkeiten zu anfällig für Gegenstöße, was Villarreal in manchen Situationen leichtes Spiel beim Torerfolg ließ.


Alle Daten von Squawka. Die Graphiken können wie üblich durch Anklicken vergrößert werden.


Donnerstag, 19. Februar 2015

Villarreal CF: Taktisch-statistisches Porträt

Eine schnell umschaltende, im 4-4-2 antretende Mannschaft, die in mancher Hinsicht defensive Probleme hat und deren bester Spieler Soriano heißt. Was sich durchaus nach dem FC Red Bull Salzburg anhört, ist in Wirklichkeit der Villarreal CF, aktuell Tabellensechster der Primera División und Gegner der Salzburger im Sechzehntelfinale der Europa League.

1. Einleitung


Die ganz großen Namen sind nicht mehr dabei. Spieler wie Marcos Senna, Santi Cazorla, Joan Capdevila und Carlos Marchena, durchgängig Welt- und/oder Europameister mit der spanischen Nationalmannschaft, sind spätestens (mit Ausnahme von Senna) mit dem Abstieg 2012 abgegeben worden, genauso wie die ausländischen Nationalspieler Robert Pirès, Nilmar und Giuseppe Rossi sowie andere bekannte einheimische Spitzenkräfte, darunter Diego López und Diego Godín. Von den Spielern, die bereits beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Teams im Herbst 2009 bei Villarreal unter Vertrag standen, sind nur noch Mateo Musacchio und Bruno Soriano, wobei ersterer damals in beiden Spielen nicht zum Einsatz kam. Soriano hingegen spielte beide Male durch. Zum Vergleich: Bei Salzburg sind von damals noch Andreas Ulmer, Christian Schwegler und Christoph Leitgeb übrig und spielen durchaus weiterhin eine wichtige Rolle. 

Trotz des erlittenen Aderlasses spielt Villarreal seit dem direkten Wiederaufstieg 2013 eine gute Rolle in der Primera División. Im Vorjahr konnte der sechste Abschlussrang belegt werden, der zur Teilnahme an der Europa League berechtige. Dabei wurden Teams wie Real Sociedad, Valencia CF und Málaga CF hinter sich gelassen, die zumindest in punkto Durchschnittsmarktwert vor dieser Saison höher eingeschätzt waren. Auch in der heurigen Saison schneidet das Team besser als erwartet ab und belegt wiederum einen Europacupplatz. Außerdem ist man im Gegensatz zu Meister Atlético und Titelverteidiger Real Madrid ins Halbfinale der Copa del Rey aufgestiegen, wo man auf den FC Barcelona treffen wird. Das Hinspiel wird dabei noch vor den beiden Aufeinandertreffen mit Salzburg gespielt werden, das Rückspiel jedoch erst im März.

Das gute Abschneiden ist zum einen darauf zurückzuführen, dass die Lehren aus dem unerwarteten Abstieg 2012, der erst aufgrund turbulenter Ereignisse in den Schlussminuten der letzten Partie jener Saison geschah, gezogen wurden. Der Klub nützte das Jahr in der zweiten Liga zur Katharsis. So wurde etwa die Transferpolitik umgestellt; während der direkte Wiederaufstieg durchaus mit erfahrenen Spielern (wie beispielsweise Wálter Pandiani, Olof Mellberg und Javi Venta) erreicht werden sollte, begann man sukzessive, Spieler unter 25 zu verpflichten (etwa die heutigen Stammspieler Torwart Asenjo, Giovanni dos Santos und später sein Bruder Jonathan, Luciano Vietto, Gabriel Paulista und Tomás Pina). Ältere Spieler wurden hingegen der Reihe nach abgegeben, und die Reihen oft mit Spielern aus der eigenen Reservemannschaft aufgefüllt. Eigenbauspieler wie Moi Gómez, Jaume Costa und Manu Trigueros wurden kontinuierlich an die erste Mannschaft herangeführt und sind dort mittlerweile voll integriert. Daneben wurde immer wieder versucht, Spieler von größeren Klubs auszuleihen (heuer beispielsweise Denis Cheryshev und Víctor Ruiz), um kurzfristig die Qualität zu erhöhen und diese eventuell nach Leihende fix zu verpflichten (wie bei Sergio Asenjo). 

Das Ergebnis dieser Umstrukturierung ist, dass mit dem Einsatz geringer Mittel (der derzeitige Kader kostete insgesamt nur 34,70 Millionen Euro, weit weniger als bei der direkten Konkurrenz um den vierten Championsleagueplatz, nämlich Valencia und Sevilla) eine gute und noch dazu recht junge Mannschaft zusammengestellt werden konnte. Allerdings hat dieser Erfolg natürlich auch negative Auswirkungen; vor allem kann die Mannschaft bei ökonomisch passenden Angeboten relativ schnell wieder auseinanderfallen. Der kürzlich erfolgte Transfer von Gabriel Paulista zum FC Arsenal zeigt schon an, dass größere Klubs an einigen Akteuren Interesse haben. Luciano Vietto und Mateo Musacchio sind die nächsten Spieler, die mit einem Wechsel zu europäischen Topklubs in Verbindung gebracht werden.

Der zweite Erfolgsfaktor neben der Transferpolitik sitzt auf der Trainerbank und wurde ebenfalls in der zweiten Liga dort installiert. Marcelino García war mit Recreativo de Huelva und Real Zaragoza bereits vorher zweimal der Aufstieg in die höchste Spielklasse gelungen, dazu konnte er Racing Santander erstmals in der Klubgeschichte in den Europacup führen. Sein erstes Engagement bei einem größeren Klub, im Jahr vor seiner Bestellung bei Villarreal war er bei Sevilla tätig, endete jedoch nach nur einem halben Jahr aufgrund von Erfolglosigkeit. Bei Villarreal jedoch verpasste er dem Team ein klares Konzept, das auf einer stabilen Defensive und variablen, schnellen Kontern, vor allem durch die vier offensivsten Spieler, beruht. Die Grundformation und die Spielidee wurden seither beibehalten und lediglich in Details verfeinert. Nach der Auftaktniederlage gegen Real Madrid Castilla verlor das Team nur mehr ein Spiel und verbesserte sich vom siebten Platz bei Marcelinos Amtsantritt auf den zweiten am Saisonende, was den direkten Aufstieg in die erste Liga bedeutete.

Wie bereits erwähnt, funktionierte das Konzept auch nach dem Aufstieg in der obersten Liga gut. Die folgenden Zeilen sollen diese Spielanlage näher erläutern, mit Statistiken untermauern und durch einen Vergleich von Daten der Spiele in der Europa League auch in Relation zu jener von Salzburg setzen. Zwar finden sich zwischen beiden Teams einige Gemeinsamkeiten, allerdings sollte man sie doch nicht zu sehr gleichsetzen. Die Daten stammen von öffentlichen Quellen, hauptsächlich whoscored.com und squawka.com; das Bildmaterial kommt von laola1.tv. In allen Unterkapiteln außer dem zur Europa League beziehen sich die Daten lediglich auf die Ligaspiele.


2. Grundformation und allgemeine Spielanlage


Marcelino positioniert sein Team grundsätzlich in einem flachen 4-4-2 (siehe Graphik 1; alle Graphiken können durch Anklicken vergrößert werden), wobei die Spielerauswahl in der Liga meist konstant ist. Lediglich gegen starke Gegner wie Barcelona versucht er bisweilen, die Mitte zu verdichten und stellt hierfür einen dritten zentralen Mittelfeldspieler auf. Auch sonst ist er bei einigen Positionen recht flexibel; so spielt der nach vorne pendelnde Pina statt Trigueros, der die Linie hält und gegebenenfalls seine Mitspieler absichert, im Mittelfeld neben Soriano gegen Gegner, die man noch früher als sonst pressen will. Moi Gómez auf dem rechten Flügel wird hingegen eingesetzt, wenn das Flügelspiel forciert werden soll, da er ein athletischerer und auch dynamischerer Spieler als der meist nach innen dribbelnde Jonathan dos Santos ist.

Soriano ist der absolute Chef und Führungsspieler der Elf, und das zu Recht. Er ist grundsätzlich die erste Anspielstation im Spielaufbau, wobei er enorme Übersicht und Passqualität (mit 82% von insgesamt etwa 58 Pässen pro 90 Minuten hat er die höchste Erfolgsquote nach Innenverteidiger Dorado) beweist. Zuspiele auch über weite Distanzen kommen verlässlich beim Mitspieler an; selbst von weiten Pässen (länger als 23 Meter) bringt er 63% an den eigenen Mann, wobei er nur von Jonathan dos Santos übertroffen wird (72%), der es allerdings auch viel seltener versucht. Seine Stärke kommt auch zum Tragen, wenn er unter Druck gesetzt wird. Er ist als einer der wenigen Defensivspieler enorm pressingresistent und kann sich durch sein starkes Passspiel (natürlich ohne den Mitspieler durch ein ungenaues oder gefährliches Zuspiel in Gefahr zu bringen) oder Dribblings auch aus Unterzahlsituationen lösen. Nebenbei spielt er auch eine wichtige Rolle im Spiel gegen den Ball und der Strafraumverteidigung. Seine Erfolgsquote bei Tacklings (88%) ist innerhalb der Mannschaft unerreicht, die zweitmeisten abgefangenen gegnerischen Pässe und klärenden Aktionen (jeweils hinter dem abgegebenen Gabriel Paulista) runden das Bild eines beinahe perfekten Spielers ab. Dass er alle Elfmeter tritt, wenn er am Platz steht, wobei er eine 100%ige Erfolgsquote hat, und auch Freistöße in zentraler Lage ganz gut treten kann, sei da nur am Rande erwähnt. 

Er ist ein kompletter Spieler, der eigentlich keine signifikanten Schwächen hat. Dementsprechend ist sein mehrmonatiger verletzungsbedingter Ausfall eine massive Schwächung für Villarreal, da ihn auch keiner der sonst zur Verfügung stehenden Spieler auch nur annähernd ersetzen kann. Pina und Trigueros, die höchstwahrscheinlich die Doppelsechs bilden werden, sind wesentlich eindimensionalere Spieler als es Soriano ist und haben vor allem im Spielaufbau, der technischen Qualität, dem Passspiel und der Übersicht wesentliche Mängel im Vergleich zum Kapitän. Der Debütant vom Spiel bei Rayo Vallecano, Sergio Marcos, wird wohl für einen Startelfeinsatz in der Europa League noch nicht in Frage kommen.

Graphik 1: Grundformation vor dem Verkauf Gabriels und der Verletzung Sorianos. Statt den beiden werden Musacchio und Pina zum Einsatz kommen.

In der Copa und auch in der Europa League wird hingegen regelmäßig rotiert, wovon selbst Soriano nicht verschont blieb; so kamen Ersatztorhüter Juan Carlos und der junge Linksverteidiger Adrián Marín zu einigen Einsätzen auf internationaler Ebene. Antonio Rukavina wiederum kam in allen vier Außenpositionen, also sowohl in der Abwehr als auch im Mittelfeld, bereits zum Einsatz, während das Stammduo im Sturm ohne größeren Qualitätsverlust durch Giovanni dos Santos und Gerard Moreno ersetzt werden kann.

Von Interesse wird vor allem sein, wie der Abgang von Gabriel Paulista, der in Graphik 1 noch zu sehen ist, kompensiert werden kann. Der erste Ersatzmann wäre Mateo Musacchio, der jedoch erst von einer längeren Verletzung zurückgekehrt ist. Ein Teil der Einnahmen durch den Verkauf Paulistas wurden in die Verpflichtung des jungen Ivorers Eric Bailly investiert, der jedoch beim Afrikacup im Einsatz war und erst in die Mannschaft integriert werden muss. Der alternde Dorado wird im Normalfall nicht mehr oft zu sehen sein. Wie ernst Marcelino die Partien gegen Salzburg nimmt, zeigt die Tatsache, dass er zur schwierigen Auswärtspartie bei Rayo Vallecano am letzten Wochenende auf eine komplett umgekrempelte Startelf setzte, was bisher in der Liga nur selten geschah und auch prompt schief ging. Vietto, Trigueros und Cheryshev kamen erst im Laufe der zweiten Halbzeit in die Partie, konnten aber auch die sechste Saisonniederlage nicht mehr verhindern. Musacchio und Costa saßen während der gesamten Partie auf der Bank, Uche und Jonathan dos Santos wurden verletzungsbedingt zu Hause gelassen. Diese beiden werden wohl im Gegensatz zu Soriano gegen Salzburg aber spielen können

Nachdem man in Pflichtspielen von November bis Jänner ungeschlagen geblieben war, verlor man bereits drei von vier Partien im Februar. Davon waren zwar zwei gegen den FC Barcelona, der auch beide Male gefordert werden konnte, allerdings auch eine eher schwache Partie gegen den Abstiegskandidaten Granada, der im Finish alles nach vorne warf, um den Ausgleich zu erzielen, was Villarreal nach einer schwachen zweiten Halbzeit das entscheidende Kontertor in der Nachspielzeit ermöglichte. Ob die schwächeren Vorstellungen und Resultate der letzten Wochen grundsätzlich auf Ermüdung und ein vermindertes Leistungsvermögen zurückzuführen sind, oder lediglich der Stärke der Gegner (Barcelona) und der Rotationspolitik Marcelinos geschuldet sind, bleibt abzuwarten; Fakt ist, dass man in allen vier Februarspielen die unterlegene Mannschaft war, sowohl was Ballbesitz (was allerdings nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen für eine Umschaltmannschaft ist) als auch Schüsse auf das Tor betrifft.

Graphik 2: Stärken und Schwächen Villarreals laut der Webseite whoscored.com.

Neben der Startaufstellung ist auch die Spielanlage relativ uniform, wobei einige Spielerrollen durchaus je nach Gegner variiert werden können und das Team sich auch je nach Spielphase taktisch unterschiedlich verhält. Darauf wird in späteren Unterpunkten genauer eingegangen, während es im Folgenden um die generellen Muster geht. Graphik 2 zeigt allgemein die Stärken und Schwächen Villarreals laut der Webseite whoscored.com. Als wichtigste Stärke wird die Fähigkeit, Chancen zu kreieren, genannt. Tatsächlich zeigt sich, dass Villarreal von allen Teams der spanischen Liga am dritthäufigsten auf das gegnerische Tor schießt, wobei nur die beiden Topteams Real Madrid und Barcelona vor ihnen liegen. Fast 14 Schüsse pro Spiel gibt das Team von Marcelino ab. Davon gehen allerdings nur etwa 37% auch auf das gegnerische Tor, was ein eher durchschnittlicher Wert ist. Knapp 14% der Torschüsse enden mit einem Torerfolg, was hinter den beiden Topteams aus Madrid sowie dem FC Barcelona der viertbeste Wert der Liga ist. Dies mag auf den ersten Blick paradox erscheinen; einerseits trifft man vergleichsweise selten auf das Tor, aber recht oft ins Tor. Dies hängt allerdings mit zwei weiteren Charakteristika ihres Spiels zusammen: einerseits dem schnellen Umschalten nach Ballgewinn, andererseits den häufigen Schüssen aus weiten Positionen. So scheint die strategische Vorgabe zu sein, möglichst oft und schnell zu schießen, was natürlich die Schussqualität vermindert. Andererseits sorgt der Konterfokus dazu, dass bei Schüssen, wenn sie innerhalb der Gefahrenzone erfolgen, recht viel Platz vorhanden ist, was wiederum die Erfolgschancen steigen lässt. Dieses Phänomen, wonach Kontermannschaften tendenziell mehr Tore erzielen als erwartet, wurde kürzlich in einem anderen Blog bestätigt

Während der generelle Spielstil der Mannschaft sicher als Umschaltspiel bezeichnet werden kann, beherrscht sie jedoch auch den eher abwartenden Stil mit vielen Pässen und tiefer Ballzirkulation. So agiert sie tendenziell oft in den Anfangsminuten einer Partie, um die gegnerische Mannschaft aus der Reserve zu locken und etwaige Schwachstellen zu entdecken. Außerdem gibt es immer wieder zum Ende von Partien Phasen, in denen Mannschaft und/oder Trainer offensichtlich mit dem Ergebnis bereits etwa eine Viertelstunde vor Schluss zufrieden sind und versuchen, das Spiel über Ballkontrolle nicht mehr aus den Händen zu geben.

3. Angriffsspiel


Villarreal ist eine der am schnellsten umschaltenden Mannschaften der Primera División. Die etwa 31 Pässe, die man pro Schuss spielt, werden nur von Almería (28,83) und Real Madrid (30,06) unterboten. Auch insgesamt kommt man so auf sehr viele Abschlüsse; die 304 Torschüsse, die man bisher in der Meisterschaft auf das gegnerische Tor abgegeben hat, sind insgesamt die viertmeisten. Die beiden Topteams aus Madrid und Barcelona sind in dieser Hinsicht uneinholbar, allerdings hat man auf das drittplatzierte Celta de Vigo lediglich zwei Schüsse Rückstand. Dabei wird nicht unbedingt aus jeder Position darauf losgefeuert; man sucht durchaus gute Abschlusspositionen. Gut ein Drittel (37,17%) der Schüsse wurden von außerhalb des Strafraums abgegeben, was ein durchschnittlicher Wert ist. Dennoch schafft man es lediglich 12,17% der abgegebenen Schüsse auch in Tore zu verwandeln, der schlechteste Wert innerhalb der sechs bestplatzierten Teams der Liga.

Eine der Stärken des Teams liegt also auf jeden Fall im Umschaltspiel nach Ballgewinn. Das Um und Auf der Mannschaft ist auch in jenen Situationen Bruno Soriano, der als erste Anspielstation nach tiefem Ballgewinn fungiert. Von ihm aus geht der Ball entweder direkt in die Spitze (bevorzugt auf Uche) oder auf einen der beiden Außenspieler, die sich ursprünglich breit positionieren, um dann in die Mitte zu ziehen. Eher selten ist der direkte Versuch, den Ball aus dem zentralen Mittelfeld direkt hinter die gegnerische Abwehr zu spielen, worauf vor allem Vietto lauert. Wenn dies möglich, bedient sich eher Trigueros dieses Mittels, dessen Torschussvorlagen zu einem Drittel aus langen Pässen (über 23 Meter Länge) bestehen, was der mit Abstand höchste Anteil ist. Generell wird der Ball entweder zu Uche gespielt, der ihn an den lauernden Vietto oder einen der Außenspieler im Mittelfeld weiterleitet. Vietto wartet hingegen nicht nur darauf, steil geschickt zu werden. Vielmehr kann er ebenfalls auf die Flügel ausweichen, um mannorientierte Gegenspieler nach außen zu ziehen und so im Zentrum Platz für die einrückenden Außenspieler zu schaffen sowie gegebenenfalls auf Zuspiele auf den Flügel zu warten, oder auch sich eher zentral positionieren, Laufwege mit dem ballführenden Mitspieler kreuzen und sich im Halbraum als Anspielstation anbieten beziehungsweise auf Abschlussmöglichkeiten dort zu spekulieren. Insgesamt ist die Bewegung nach vorne der vier Stammspieler auf den offensivsten Positionen perfekt koordiniert und von präziser Diagonalität geprägt. 

Graphik 3: Heatmap aller Spieler im Ligaspiel bei Elche am 3.1.2015 (Endergebnis 2:2). Klar erkennbar der Rechtsfokus im Spiel nach vorne sowie die Intensität des Mittelfeldpressings.

Die beiden zentralen Mittelfeldspieler hingegen stoßen nach, sobald die vier Offensivkräfte ihren Angriffszug gestartet haben, und bieten sich entweder als sichere Anspielstation an, wenn die Optionen vorne ausgehen, oder versuchen sich selbst in den Angriff einzuschalten und bewegen sich in Löcher, die durch die Diagonalbewegungen der Offensivspieler entstanden. Vor allem Tomás Pina dringt immer wieder in den gegnerischen Strafraum ein, um am Angriff aktiv zu partizipieren (siehe auch die Darstellung und Erläuterungen zu Graphik 4). Insgesamt ist die Rolle der Sechser jedoch eher balancierend und absichernd, und die offensiven Verantwortungen liegen hauptsächlich bei den vier Offensivspielern. Dies zeigt sich auch in der Statistik; so sind Vietto, Cheryshev, Uche und G. dos Santos die einzigen vier Spieler, die pro neunzig Minuten Einsatzzeit auf zwei oder mehr Torschüsse kommen. Diese Spieler liegen auch bei den Torschussvorlagen ganz vorne, wobei in dieser Wertung auch Trigueros (1,7 Torschussvorlagen pro 90 Einsatzminuten) ganz hervorragend abschneidet.

Graphik 4: Angriffszug im Cupspiel bei Real Sociedad am 14.1.2015. Die Außenspieler im Mittelfeld Gómez und Nahual haben rochiert, Stürmer Giovanni ist nach außen abgekippt, zieht somit mehrere Gegenspieler auf sich und schafft freien Raum für Gómez. Damit nimmt er sich aber auch selbst erst einmal aus dem Angriff. Pina rückt schnell auf, partizipiert direkt im Angriff und dringt dann in den Strafraum ein, während Trigueros nachrückt. Im Zentrum warten der zweite Stürmer und der weit eingerückte zweite Außenspieler auf eine Hereingabe.

Im Spiel nach vorne ergibt sich ein klarer Zentrumsfokus, bedingt durch die Vertikalität des Spiels, die diagonalen Bewegungen der ursprünglich durchaus breit positionierten Außenspieler und die niedrig dosierte Einbindung der Außenverteidiger in das Offensivspiel. Ergebnis dessen ist, dass Villarreal 30% seiner Angriffe durch die mittlere Zone des Spielfelds vorträgt, was innerhalb der Primera División der zweithöchste Anteil nach dem FC Barcelona ist. Überlaufen der Offensivspieler durch die beiden Außenverteidiger findet bei Villarreal eigentlich gar nicht statt. Diese rücken im Ballbesitz zwar mit auf, bleiben allerdings grundsätzlich hinter dem Ball und sichern den Raum im Rücken der angreifenden Spieler ab. Die Rolle der Außenverteidiger ist zudem leicht asymmetrisch; während Rechtsverteidiger Mario Gaspar häufiger bis ins letzte Drittel vorstößt, legt Jaume Costa seine Rolle durchaus konservativer aus und bewegt sich häufig auch im eigenen Ballbesitz etwa auf einer Linie mit den Innenverteidigern. Graphik 5 beispielsweise zeigt einen Angriff Villarreal, bei dem die vier Mittelfeldspieler und die beiden Stürmer geschlossen teilnehmen, die Außenverteidiger jedoch nicht.

Graphik 5: Angriffszug im Spiel gegen Athletic Bilbao am 17.1.2015. Die beiden Stürmer sind mit blauen Punkten markiert, die Mittelfeldspieler mit roten. Diesmal ist Vietto nach rechts gerückt, Pina rückt in den so frei gewordenen Raum. Die Mannorientierungen Athletics sorgen dafür, dass Cheryshev (17) und Soriano (21) kurzfristig recht viel Platz zur Ballannahme und Weiterverarbeitung haben.

Diese Asymmetrie ist durchaus auch den Rollen der jeweiligen Partnerspielern der beiden Außenverteidiger geschuldet. Während Costa mit Cheryshev einen besonders häufig in Richtung Zentrum agierenden Spieler vor sich hat, spielt Gaspar entweder mit dem was direkte Läufe in den Strafraum angeht eher zurückhaltenden Jonathan dos Santos oder dem durchschlagskräftigen, aber eher weit bleibenden Moi Gómez. Deshalb kann er seiner Mannschaft durch seine hohe Positionierung im Angriffsspiel durch Herstellen lokaler Überzahlen nützlich sein, während Costa tendenziell darauf verzichtet, sich alleine im weitgehend verwaisten Raum auf seiner linken Seite zu bewegen. Dadurch entsteht ein leichter Rechtsfokus, der auch in Graphik 3 zu erkennen ist und erklärt, warum Mario Gaspar in puncto Torschussbeteiligung besser abschneidet als sein Pendant auf der Gegenseite. Dies schlägt sich auch bei der Effektivität nieder; so kommt Gaspar auf drei Ligatore und einen Assist in der heurigen Saison, während Costa noch gar nicht anschrieb und auch keine Torvorlage liefern konnte, obwohl die beiden was Torschussvorlagen anbelangt ziemlich gleichauf liegen.

Graphik 6: Das 1:0 im Spiel gegen Athletic. Paulista führt den Ball, kann allerdings keinen risikofreien Pass in das Mittelfeldzentrum spielen, was die erste Option wäre. Bilbao hat sich dazu zu kompakt im Mittelfeldpressing positioniert. Cheryshev löst die Situation, indem er sich kurzfristig nach hinten fallen lässt, wohin ihn Gegenspieler Marcos verfolgt. Uche steigt in das Spiel ein und läuft schräg nach außen, wohin ihn der Innenverteidiger Etxeita begleitet. So entsteht freier Raum (dunkelrot markiert), in den Cheryshev vorstoßen kann und in den Paulista auch den weiten Ball spielt. Bilbao müsste entweder die Formation strikter einhalten, oder Cheryshev schneller an San José im Zentrum übergeben, der den Russen nicht mehr einholen kann. Dass dieser ein sehr guter Spieler ist, zeigt er in der folgenden Ballannahme, der Umkurvung des gegnerischen Tormanns und dem Abschluss aus schwierigem Winkel.
 
Die Innenverteidiger ihrerseits sind in das Offensivspiel kaum eingebunden, was sich auch statistisch in niedrigen Werten bei Torschuss- und Torbeteiligungen niederschlägt. Dies liegt auch daran, dass sie über kein überragendes Passspiel über größere Distanzen verfügen. Die drei Innenverteidiger mit den meisten Einsätzen bringen insgesamt nur knapp über die Hälfte der langen Bälle an den eigenen Mann, wobei Paulista mit 58% noch die beste Quote hatte. Deshalb beschränken sie sich meist darauf, kurze Pässe zu einem der beiden zentralen Mittelfeldspieler zu spielen, die ihrerseits den Angriff nach vorne tragen, entweder durch die erwähnten vertikalen Zuspiele oder durch Dribblings in freie Räume, wenn Pässe zu gefährlich wären. 

Lediglich wenn die gegnerische Mannschaft sehr gut organisiert steht, die Räume im Mittelfeld sehr eng macht und so das Umschaltspiel Villarreals bremst, sorgen auch die Innenverteidiger für das Offensivspiel; entweder durch das Führen des Balles in höhere Räume, oder durch lange Pässe in den Rücken der Abwehr, wie in Graphik 6 dargestellt, wofür man jedoch auch selbst anfällig ist.
  

4. Defensivverhalten


Systematisches Gegenpressing setzt Villarreal eher selten ein, und wenn, dann dient es weniger unbedingt der hohen Balleroberung mit dem Ziel, die aufgelöste Ordnung des Gegners auszunützen und schnell zum Torabschluss zu kommen. Vielmehr setzt man darauf, nach einem Ballverlust in der gegnerischen Hälfte Zeit zu gewinnen. Der ballnahe der vier offensiven Spieler versucht, den ballführenden Gegenspieler unter Druck zu setzen und ihm den direkten Weg zum Tor abzuschneiden. Gewisse Passwege, wie beispielsweise vom Außenverteidiger zum Innenverteidiger, werden dabei bewusst freigelassen, um das Spiel in die Breite zu lenken. In der Zwischenzeit lassen sich die Viererkette und die beiden defensiven Mittelfeldspieler weit nach hinten fallen, bis der Abstand zwischen Tormann und Abwehr sicher ist. Dadurch soll die Kontergefahr erstickt werden, die durch die hohe Positionierung der eigenen Abwehr (bis zur Mittellinie) im eigenen Ballbesitz virulent ist und auch durchaus zu Gegentoren führt. 

Graphik 7: Defensivverbund im Spiel bei Málaga am 10.1.2015. Auffällig die enge Stellung der Viererkette und die tiefe Positionierung der Doppelsechs, die dem Gegner beinahe gar keinen Zwischenlinienraum lässt. Cheryshev ist in der Situation durch einen Sturz etwas aus der Position, was nicht durch einen Mitspieler ausgeglichen wird.
 
Gewisse Situationen führen jedoch durchaus auch zu gezieltem, aggressivem Gegenpressing. Dazu zählen technische Fehler wie mangelhafte Ballannahmen und ungenaue Pässe des Gegners unmittelbar in der Umschaltphase, die jedoch nicht systematisch zu erzwingen versucht werden. Nach Offensivstandards ist Gegenpressing hingegen beinahe Pflicht, da auch die Defensivspieler aufrücken und dementsprechend die Restverteidigung riskant ist. Dazu kommt, dass viele Gegner in der spanischen Liga besonders bei Ecken und Freistößen oft relativ planlos klären und versuchen den Ball vom Tor wegzubekommen, weshalb nach einem erneuten Ballverlust im Strafraum die Ordnung komplett aufgelöst ist. Diese Situationen nützt Villarreal systematisch, um zu Torabschlüssen zu kommen. 

Graphik 8: Pressingsituation im Spiel bei Málaga am 10.1.2015. Die Stürmer und Cheryshev verhindern den kurzen Pass ins Zentrum, lediglich der Pass nach hinten, der hohe Ball und der nach außen bleiben offen. Die drei verbleibenden Mittelfeldspieler verschieben entsprechend horizontal in Richtung des ballführenden Spielers, um Cheryshev abzusichern.
 
Das übliche Mittel ist allerdings wie erwähnt eine Hinhaltetaktik, um zuerst die sechs defensiveren Spieler in die enge und tiefe Grundformation zu bekommen und dann erst zu versuchen, den Ball zu erobern (siehe Graphik 7). Dazu wird der ballführende Gegenspieler, meist der Innenverteidiger oder Sechser, vom ballnahen Stürmer so angelaufen, dass nur entweder der Pass nach hinten, der hohe Ball nach vorne oder das Spiel über außen als Optionen bleiben. Sonstige, zentraler positionierte Mitspieler werden durch den Sturmpartner des pressenden Angreifers sowie die Mittelfeldspieler aus dem Spiel genommen (Graphik 8). Wenn dann der Ball hoch nach vorne gespielt wird, bewegen sich die beiden Viererketten kollektiv nach hinten, wobei sich die Auenspieler im Mittelfeld etwas weiter vorne positionieren als die Sechser, während von den beiden Stürmern in dieser Situation keine Defensivbeteiligung mehr erwartet wird. Beim Spiel über außen wird hingegen nicht aktiv attackiert, lediglich Cheryshev versucht sich bisweilen unkoordiniert im diagonalen Rückwärtspressing, was durch seine Dynamik auch teilweise zu Balleroberungen führt. So kommt er unter den regelmäßig eingesetzten Spieler auf die meisten versuchten Balleroberungen, obwohl die objektiv meisten Balleroberungen dann doch den Abwehrspielern gelingen (vor allem Mario Gaspar, Costa und Musacchio). Sonst wird der Flügelraum generell dem Gegner überlassen. Die Viererkette positioniert sich zentral und recht eng, erst bei Eindringen in die Halbräume beginnt der Außenverteidiger, den gegnerischen Spieler unter Druck zu setzen. Herausrücken lassen sich die Innenverteidiger nur recht selten, beispielsweise um hohe und lange Pässe zu klären. Wenn dies allerdings geschieht, ist die Mannschaft oft in der hintersten Linie massiv ungeordnet, was theoretisch für Gefahr sorgen kann. Auch die beiden Sechser rücken nicht zu weit hinaus, sondern bilden ein Tandem, das in erster Linie der Strafraumverteidigung dient. 

Graphik 9: Szene im Spiel gegen Athletic Bilbao am 17.1.2015. Villarreal lässt viel Raum (dunkelrot markiert) im Zentrum und den Halbräumen, den Bilbao durch die hohe Stellung der Achter, den außen bleibenden Flügel und den nicht aufrückenden Sechser nicht ausnützt und der dementsprechend verwaist bleibt.

Durch dieses abwartende, nach hinten fallende Spiel gegen den Ball, das teilweise Verteidigen nach außen durch die beiden äußeren Mittelfeldspieler bei gleichzeitiger tiefer und enger Positionierung der Außenverteidiger und die marginale Rolle der Stürmer im Abwehrverhalten entsteht zwischen den Sechsern und den Stürmern im Zentrum und den Halbräumen oft viel freier Raum, den gegnerische Mannschaften nützen können (Graphik 9). Dennoch ist es beileibe nicht einfach, gegen Villarreal zu spielen, was die viertmeisten abgefangenen Bälle und die achtmeisten klärenden Aktionen (die grundsätzlich eher von schwächeren Teams durchgeführt werden müssen, da sich der Ball häufiger in ihrer Gefahrenzone befindet) unterstreichen. Villarreal ist grundsätzlich recht zufrieden damit, in der eigenen Hälfte zu verteidigen, solange der Weg in den Strafraum durch die Viererkette und die defensiven Mittelfeldspieler versperrt ist. Dadurch schafft man es zwar nicht allzu häufig, den Gegner vom Torschuss abzuhalten (11,8 gegnerische Torschüsse pro Spiel sind nur ein durchschnittlicher Wert), allerdings sind diese Abschlüsse häufig aus ungünstiger Position, weil die Strafraumverteidigung sehr gut funktioniert, was die Erfolgschancen der gegnerischen Torschüsse natürlich deutlich vermindert (50% der gegnerischen Torschüsse werden von außerhalb des Strafraums abgegeben, gemeinsam mit Sevilla der beste Wert in der gesamten Liga). Deshalb hat Villarreal gemeinsam mit den beiden Madrider Teams die drittwenigsten Gegentore der Liga bekommen (22).

5. Standardsituationen


Offensive Standards sind relativ unspektakulär. Ecken und Freistöße vom Flügel und solche, die zu weit entfernt für einen Direktschuss sind, werden meist hoch in den Raum zwischen Fünfmeterraum und Elfmeterpunkt gespielt mit dem Ziel, direkt zum Torabschluss zu kommen. Verantwortlich für die Ausführung dieser Standards sind Trigueros und Jonathan dos Santos, wobei letzterer durchaus hin und wieder versucht, verschiedene Varianten zu einzusetzen, beispielsweise kurze Eckbälle oder ein hoher Ball an das nahe Fünfereck, wo der Ball weitergeleitet werden soll, was allerdings oft nicht besonders genau einstudiert wirkt. Nur 7 Tore aus Standardsituationen und circa 24% der abgegebenen Schüsse im direkten Anschluss an Standards sind dementsprechend eher durchschnittliche Werte.

Graphik 10: Defensivverhalten bei Eckball (links), Freistoß (Mitte) und Einwurf (rechts). Auffällig ist die personelle Überzahl und die Mannorientierungen im Strafraum, die durch zusätzliche Raumdecker unterstützt werden.

Wie im allgemeinen Defensivverhalten ist auch das Verteidigen von Standards dagegen sehr gut internalisiert. Dabei wird versucht, dem Gegner durch massive personelle Überzahlen keine Möglichkeit zu geben, zum Abschluss zu kommen (siehe Graphik 10 für Beispiele bei Ecke, Freistoß und Einwurf). Dafür werden alle im Strafraum befindlichen Gegenspieler manngedeckt, dazu besetzen mindestens drei Spieler den Raum vor und um den Fünfmeterraum. Dazu positionieren sich dafür nicht benötigte Spieler am Strafraum, um zu kurz geratene Klärungsaktionen weiter zu bereinigen. Dementsprechend befinden sich oft alle zehn Feldspieler bei defensiven Standards im eigenen Strafraum, was natürlich die Möglichkeiten, nach Abwehr des Balles direkt zu kontern, einschränkt. Dafür erhöht es die Stabilität und lässt den Gegnern kaum Möglichkeiten, durch Standards zum Torabschluss zu kommen.   

6. Europa League und der Vergleich mit Salzburg

 
Bislang wurden die Daten Villarreals nicht direkt mit jenen Salzburgs verglichen, was auf zwei Gründe zurückgeht: Einerseits sind unter Umständen die Daten aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden nicht vollständig vergleichbar (obwohl sowohl die Daten der österreichischen Bundesliga als auch die von Whoscored von der Firma Opta bereitgestellt werden), andererseits sind die beiden Ligen natürlich von der Qualität der Gegner völlig unterschiedlich, was die Aussagekraft direkter Vergleiche in Frage stellt. Deshalb werden im Folgenden lediglich Leistungsdaten aus den sechs Gruppenspielen der Europa League verglichen, da hier mit leichter mit ceteris paribus-Annahmen gearbeitet werden kann. Die Gegner beider Teams sind eher auf eine Stufe zu stellen (die Gegner von Villarreal hatten vor der Saison einen durchschnittlichen Klubkoeffizienten von 17,54, jene von Salzburg einen von 22,56, wobei Villarreal selber mit 53.54 etwas besser abschneidet als Salzburg mit 46,19). Der Nachteil dabei ist, dass die Daten auf Durchschnittswerten von nur sechs Spielen beruhen, was sie anfälliger für Ausreißer macht. Den Klubfarben entsprechend steht der gelbe Balken jeweils für Villarreal und der rote für Salzburg.

Graphik 11: Vergleich der Schussstatistiken.

Salzburg hat in der Gruppenphase sowohl mehr Tore erzielt als auch mehr Punkte als Villarreal erreicht, wobei wiederholt werden muss, dass Trainer Marcelino in der Gruppenphase nicht jedes Spiel mit der besten verfügbaren Mannschaft bestritt. Diese Überlegenheit zeigt sich auch bei einem Vergleich der Schüsse, die von den Teams jeweils insgesamt abgefeuert wurden. Insgesamt gab Salzburg 46 Schüsse mehr auf das gegnerische Tor ab als Villarreal, was einem Unterschied von beinahe acht Schüssen pro Spiel entspricht. Dabei sind die Spanier insgesamt etwas effizienter; bei ihnen landete genau ein Fünftel der Torschüsse im gegnerischen Netz, bei Salzburg 17%, was allerdings auch noch ein guter Wert ist. Diese Genauigkeit ist auch der Schussposition geschuldet; Villarreal gab mehr als zwei Drittel der Schüsse von innerhalb des Strafraums ab, Salzburg nur etwas mehr als die Hälfte. Beide brachten etwa die Hälfte ihrer Schüsse auch auf das gegnerische Tor, wobei allerdings Villarreal besser zielte: 41,67% dieser Schüsse endeten mit einem Torerfolg, während Salzburg in dieser Wertung nur auf 33,3% kommt. Keinen signifikanten Unterschied gibt es bei den zugelassenen Torschüssen, hier liegt Villarreal zwei Schüsse besser als Salzburg, was vernachlässigbar ist.

Graphik 12: Vergleich der Passstatistiken, Teil 1.

Beide Teams legen nicht unbedingt viel Wert auf Ballbesitz per se, was sich in niedrigen Ballbesitzzeiten widerspiegelt. Mit 52,5% (Villarreal) beziehungsweise 51% (Salzburg) liegen die Teams bei vergleichbaren Werten auf Rang 20 und 22 der Ballbesitztabelle aller 48 an der EL-Gruppenphase teilnehmenden Teams. Bei den gespielten Pässen liegt Villarreal mit 3170 (siehe Graphik 12) zwar auf Rang Fünf aller Teams, lässt allerdings auch recht viele gespielte Pässe zu (3010), was den Fokus auf Strafraumverteidigung und das Überlassen der gegnerischen Hälfte und der Flügelräume an die gegnerische Mannschaft unterstreicht. Salzburg hingegen spielt wenige Pässe, was den schnellen Umschaltfokus unterstreicht, lässt allerdings auch wenige zu, versucht den Ball also schneller zurückzuerobern. Interessanterweise lässt man etwas mehr Pässe zu, als man selber spielt. Dieses Verhältnis ist vor allem auf die beiden Partien gegen Dinamo Zagreb zurückzuführen, das sehr viel Wert auf ein sauberes und schnelles Passspiel ohne große Hast im Spiel nach vorne legt.

Graphik 13: Vergleich der Passstatistiken, Teil 2.

Die Unterschiede zwischen den Teams zeigen sich auch bei der Passquote und dem Anteil der kurzen Pässe (unter 23 Meter Länge) an allen gespielten Pässen, zwei Kategorien, die logischerweise miteinander korrelieren, da kurze Pässe eben wahrscheinlicher beim eigenen Mann landen als lange (das Bestimmtheitsmaß bei allen 48 Teams der Europa League zwischen diesen beiden Kategorien beträgt 0,54, was eine hohe Korrelation ausdrückt). Villarreal spielt sowohl insgesamt als auch relativ mehr kurze Pässe als Salzburg, und bringt auch etwa 15 von 100 Pässen mehr an den eigenen Mitspieler als Salzburg (siehe Graphik 13). Dies weist darauf hin, dass das Salzburger Umschaltspiel noch etwas schneller und riskanter ist als jenes von Villarreal. Das intensivere Pressing der Salzburger wiederum bewirkt, dass die gegnerischen Teams weit weniger erfolgreiche Pässe spielen als jene von Villarreal, die erst weit in der eigenen Hälfte aktiv das Passspiel des Gegners zu unterbinden suchen. 

Graphik 14: Vergleich des Umschaltspiels und des horizontalen Fokus.

Dass die Salzburger noch etwas schneller umschalten als Villarreal, zeigt auch Graphik 14. Die Salzburger kommen durchschnittlich nach etwa gespielten 21 Pässen zum Torabschluss, während Villarreal etwa doppelt so viele benötigt. Beide Mannschaften spielen jedoch vergleichsweise häufig durch die Mitte; die Prozentsätze reichen für den zweiten (Villarreal) beziehungsweise vierten (Salzburg) Rang im Ranking aller 48 EL-Teilnehmer.

Graphik 15: Vergleich ausgewählter Defensivstatistiken.

Zum Schluss sollen noch einige Defensivstatistiken verglichen werden. Insgesamt ist es relativ schwierig, daraus Schlüsse zu ziehen. Man weiß bisher noch wenig darüber, welche davon überhaupt von Belang sind. Offensichtlich gibt es viele Möglichkeiten, den Gegner vom Torerfolg abzuhalten, und Teams benützen diese Möglichkeiten in verschiedenen Ausmaßen. Graphik 15 zeigt, dass Villarreal und Salzburg beinahe gleich häufig gegnerische Pässe abfangen, was etwas im Widerspruch steht zum Befund, dass Salzburg eine weit niedrigere gegnerische Passquote zulässt als Villarreal. Dies erklärt sich unter Umständen dadurch, dass Salzburg weit häufiger versuchte, den Gegner direkt unter Druck zu setzen, und nicht nur die Passwege zustellt. Die 289 Tacklings (definiert als Versuch, einen Gegner vom Ball zu trennen) in den sechs Spielen der Gruppenphase sind der mit Abstand höchste Wert aller 48 Teams. 36% der Versuche waren auch erfolgreich, was dem zweithöchsten Wert hinter Partizan Belgrad entspricht. Villarreal hingegen ist sowohl was die Anzahl der versuchten Tacklings als auch ihre Erfolgsquote anbelangt ziemlich genau im Durchschnitt aller Teams. Salzburg schafft es auch öfter als Villarreal, gegnerische Angriffe zu stören oder ganz abzubrechen, wobei die Anzahl an klärenden Aktionen beider Teams unterdurchschnittlich hoch ist. Insgesamt ist die höhere Notwendigkeit defensiver Aktionen für Salzburg jedoch nicht überraschend, wenn man an die höhere Anzahl an verlorenen Bällen durch die niedrigere Passquote denkt. 
 

7. Fazit: Was Salzburg tun kann


Es ist unheimlich schwierig, gegen Villarreal Tore zu erzielen. Die Mannschaft lässt ihren Gegnern kaum Möglichkeiten, um in gefährlichen Zonen zu Torschüssen zu kommen, und muss dementsprechend wenige Gegentore hinnehmen. Es gibt allerdings einige Möglichkeiten, um die engmaschige und kompakte Defensive Villarreals auszuhebeln und doch für Gefahr zu sorgen.

Salzburg muss unbedingt versuchen, möglichst schnell ins Gegenpressing zu kommen. Durch das schnelle Umschalten sind die Gegenstöße Villarreals nach Ballgewinn oft tödlich, und müssen einerseits möglichst schnell gestoppt werden. Andererseits sind die Defensivspieler Villarreals (mit Ausnahme des verletzten Brunos) nicht sonderlich pressingresistent und können sich unter Druck oft nur mehr mit hohen Befreiungsschlägen behelfen. Außerdem entstehen so natürlich eigene Tormöglichkeiten, beispielsweise der Anschlusstreffer Elches entstand, als Costa im Mittelfeld angepresst wurde und den Ball verlor, was Elche zum sofortigen Gegenangriff gegen die entblößte Hintermannschaft Villarreals ausnützte.

Allerdings kann man auch tiefere Ballgewinne, wenn Villarreal schafft, die erste Pressingwelle Salzburgs zu überspielen, gut ausnützen, wenn es wirklich schnell geht. Dabei wird ausgenützt, dass die gesamte Abwehrlinie kollektiv oft bis an die Mittellinie aufrückt und Asenjo weniger ein mitspielender Tormann ist, also viel Raum im Rücken der Abwehr entsteht. Da darf man sich dann auch nicht zu schade sein, einen hohen, weiten Ball hinter die Abwehr zu spielen und auf die Schnelligkeit der Offensivspieler zu vertrauen. Dementsprechend wäre vielleicht Sabitzer als zweite Sturmspitze neben Soriano eher die erste Wahl als Djuricin. Málaga gelang gegen Villarreal so ein Tor, als Antunes nach Ballgewinn im eigenen Abwehrdrittel mittels Steilpass Amrabat einsetzte, der Asenjo nur noch zu überheben brauchte.

Obwohl Villarreal unheimlich stark verteidigt, lassen sie in bestimmten Zonen bewusst Räume frei (siehe auch Graphik 9 weiter oben). Diese Räume vor oder neben der Doppelsechs können von nach vorne stoßenden Mittelfeldspieler oder sich fallen lassenden beziehungsweise leicht seitlich abkippenden Stürmern bespielt werden, wenn die Ballzirkulation in diesen Bereichen schnell ist, und für Pässe in die Schnittstellen ausgenützt werden. Jonatan Soriano und Massimo Bruno bieten sich für diese Art von Spielzügen aus dem Salzburger Spielermaterial besonders an. In dieser Hinsicht wäre unter Umständen eine Rückkehr zur im Herbst praktizierten Raute wegen der Absicherung im Zentrum und der Hilfestellung durch aufrückende Achter vorteilhafter als das im Spiel gegen Wr. Neustadt angewandte flache 4-4-2. Real Sociedad hat im Rückspiel der Copa vorgezeigt, wie man diese freien Räume zum Torerfolg gegen Villarreal ausnützen kann (siehe Graphik 16).

Graphik 16: Tor von Esteban Granero im Cupspiel bei Real Sociedad am 14.1.2015. Carlos Vela hat sich etwas seitlich der Doppelsechs positioniert, wo er den Pass von Granero erhält. Die beiden Sechser können keinen Druck mehr auf ihn ausüben, weshalb die beiden Innenverteidiger herausrücken. Die Viererkette (schwarze Linie) ist deshalb komplett aus der Formation gerissen und entblößt freien Raum (dunkelrot markiert) in ihrem Rücken, in den Granero (roter Pfeil = Laufweg) vorstößt. Dort nimmt er den Doppelpass (blauer Pfeil), den Vela in der Zwischenzeit aufgrund seiner freien Position relativ unbedrängt spielen konnte, volley und schießt den letztlich bedeutungslosen Ausgleich.

Auch das Tor von Lionel Messi am vorletzten Wochenende entspricht in etwa diesem Muster. Gleich vier Spieler Villarreals, die beiden Innenverteidiger und die beiden zentralen Mittelfeldspieler, versuchen dabei, den ballführenden Suárez unter Druck zu setzen. Dadurch entsteht freier Raum im Zentrum knapp außerhalb des Strafraums, also in der möglicherweise wichtigsten Zone des gesamten Spielfelds. Suárez schafft es, den Ball kurz mitzunehmen und in eben diesen Raum zu spitzeln, in den Messi vorstößt und vollstreckt. 

Ein etwas weniger effektives Mittel könnten Fernschüsse, vor allem aus dem Halbraum, sein. Auch hier werden die freien Räume außerhalb des Strafraums ausgenützt. Allerdings sind Fernschüsse durch die höhere Entfernung generell nicht besonders erfolgsversprechend; außerdem wird Villarreal wenig freie Schussbahnen lassen, dazu ist Asenjo ein guter Tormann auf der Linie. 

Zwei weitere Faktoren werden im Spiel ohne Ball essentiell sein: Einerseits gilt es zu vermeiden, den Fehler zu machen, wie ihn beispielsweise Athletic Bilbao im oben besprochenen Tor begeht, und den Gegenspieler zu lange mannorientiert zu verfolgen. Dies ermöglicht Villarreal gerade erst, seine gefährlichen Diagonalläufe zum größtmöglichen Schaden des Gegners einzusetzen. Und sollte schon ein Defensivspieler aus der Position herausrücken, muss die entstandene Lücke unverzüglich von einem Mitspieler geschlossen werden, aber das ist ohnehin Standard.

Dazu gilt es, sich gegen weite Bälle hinter die Abwehr zu wappnen, die angesichts der grundsätzlich hohen Positionierung der Salzburger Viererkette nicht allzu unwahrscheinlich sind. In dieser Hinsicht wird die Anti- und Partizipation von Torhüter Gulacsi enorm wichtig sein, um gefährliche 1:1-Situationen zwischen ihm und einem Gegenspieler im Keim zu ersticken.