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Dienstag, 8. März 2016

Faktencheck: Spielt der SK Sturm wirklich so schwach?

Die Kritik am SK Sturm wird zumindest online lauter. Dabei werden tatsächlich zwei zu unterscheidende Faktoren bemängelt: Einerseits die unter den Erwartungen liegenden Leistungen und Ergebnisse, andererseits die mediale Außendarstellung, die ersteres unter den Teppich zu kehren sucht. Da dieser letzte Bereich nicht mein Thema ist, beschränke ich mich in den folgenden Zeilen auf die Frage, ob die Kritik an den Ergebnissen und Leistungen berechtigt ist oder ob Sturm beim Zustandekommen der Tabellensituation tatsächlich nur Pech hat, wie es die sportlich Verantwortlichen gerne darstellen.

Beginnen wir bei den Ergebnissen. Sturm steht nach 26 Runden auf Platz vier, hält bei 35 Punkten und einer ausgeglichenen Tordifferenz. Nach vorne (also in Richtung sicherer Qualifikation für den Europacup) wird nichts mehr gehen, nach hinten ist man in Schlagweite der nachrückenden Underdogs Admira und Mattersburg. Dies könnte insofern noch von Relevanz sein, als der vierte Platz im Falle eines Cupsiegs durch die Austria oder Salzburg doch noch zur Europacupqualifikation berechtigt. Man ist ergebnistechnisch also das schwächste Team der Top Vier, und liegt etwa drei Punkte unter dem eigenen langjährigen Mittelwert nach 26 Runden. Fakt ist auch: Der SK Sturm steht in der Frühjahrstabelle nur auf Platz sieben. In den sechs Spielen seit der Winterpause holte das Team von Franco Foda ebenso viele Punkte und damit gleich viele wie Tabellennachzügler Ried. Die Ergebnisse sind also vor allem seit der Winterpause unterdurchschnittlich, wobei fairerweise angemerkt werden muss, dass in der Phase zwei Stammspieler des Herbstteams abhandenkamen und ersetzt werden mussten.

Insgesamt sind die Ergebnisse des SK Sturm in der heurigen Saison jedoch so, wie man es erwarten konnte. Meine Punkteprognose basierend auf der nach der Sommertransferperiode zur Verfügung stehenden Mannschaft (die sich nur marginal von der aktuellen unterscheidet) sagt für die Grazer einen Punkteschnitt von 1,43 voraus. Nach 26 Runden sollte die Mannschaft also bei rund 37 Punkten stehen. Das 95%-Konfidenzintervall reicht dabei von gerundet 35 bis 39, das Team von Franco Foda liegt punktemäßig also im Erwartungsbereich, wenn auch im niederen. Einen Angriff auf die Europacupplätze zu erwarten, wäre also unrealistisch. Um weiter vorne als um Platz Vier mitzuspielen, braucht Sturm neben eigener Overperformance auch eine schwächelnde Konkurrenz, und diese Voraussetzungen sind eben nur in wenigen Spielzeiten gegeben, wie auch nicht in der heurigen, in der keiner der drei anderen großen Klubs die Erwartungen massiv untererfüllt.

Damit kommen wir zu den Leistungen. Wie ich als bekannt voraussetze, sind Ergebnisse nur ein schwacher Indikator für die Leistungsstärke eines Teams, da Zufall und Glück oder Pech eine große Rolle bei ihrem Zustandekommen spielen können. Deswegen werde ich im Folgenden einige andere, aussagekräftigere Indikatoren darstellen und diskutieren, um ein realistisches Leistungsbild des SK Sturm, vor allem in den bisherigen Frühjahrspartien, anzubieten.

Wir beginnen mit zwei eher basalen Indikatoren, nämlich dem Torverhältnis in den sechs Frühjahrsspielen und dem durchschnittlichen Ballbesitz. Der ausgelutschte Stehsatz, wonach Ballbesitz keine Tore schießt, hat zwar seine Richtigkeit (vor allem, wenn man nur einzelne Partien ansieht und nicht langfristige Trends), allerdings ist es auch Fakt, dass Teams mit mehr Ballbesitz in der Regel auch mehr Punkte holen und dementsprechend besser in der Tabelle abschneiden. Ob der Zusammenhang kausal ist oder durch eine Drittvariable ausgelöst wird, sei einmal dahingestellt.

Graphik 1: Zusammenhang zwischen Ballbesitz und Tordifferenz in den sechs Frühjahrsspielen; Sturm Graz schwarz markiert.

Die Daten zeigen, dass Sturm Graz im Frühjahr in dieser Hinsicht durchaus gut unterwegs ist. Man kommt im Durchschnitt auf 56,87% Ballbesitz und liegt damit nur hinter den beiden Wiener Klubs, aber noch vor Salzburg mit dem vermeintlichen neuen, auf Ballkontrolle abzielenden Spielstil. Allerdings ist Sturm die einzige dieser drei Mannschaften, die im Frühjahr auf ein negatives Torverhältnis kommt. Man konnte also die Spiele meist mittels Ballkontrolle dominieren, allerdings nicht genug Kapital aus dieser Dominanz schlagen. Daraus lassen sich Defizite im Spiel mit dem Ball ableiten, was ja durchaus ein häufig gehörter Kritikpunkt ist. Zudem weist eine genauere Analyse der Frühjahrsspiele darauf hin, dass Sturm zwar nie weniger als 50% Ballbesitz hatte, der Durchschnittswert allerdings von zwei Extremwerten nach oben getrieben wird. Sowohl auswärts gegen Altach als auch in Mattersburg musste die Mannschaft relativ lange einem Rückstand hinterherlaufen, was die Gegner dazu nützten, tief zu stehen und Sturm bereitwillig den Ball zu überlassen. Der hohe Ballbesitz ist also nicht immer nur auf Sturms eigene Qualität zurückzuführen, sondern auch auf strategische Entscheidungen des Gegners.

Man konnte also mit trotz Ballbesitzes wenig Tore erzielen, weil auch die Gegner oft tief standen und Sturm den Weg zum Tor versperrten. Allerdings zeigt sich (Graphik 2), dass die Grazer im Frühjahr dennoch am zweitmeisten Schüsse aller zehn Bundesligisten abgaben (90; nur die Wiener Austria kommt auf mehr). Zudem ließ Sturm am zweitwenigsten Schüsse zu, nämlich 64 (Salzburg kommt im Frühjahr auf 62).

Graphik 2: Abgegebene und zugelassene Schüsse in den sechs Frühjahrsspielen; Sturm Graz schwarz markiert.

Daraus ergibt sich die beste Total Shot Ratio (TSR) aller Teams im Frühjahr, nämlich 0,58. Normalerweise sollte dieser Wert zu einer hohen Punkteausbeute führen, was allerdings hier bei Sturm nicht der Fall ist. Bei niedrigen Fallzahlen (wie hier mit nur sechs Spielen) kann das durchaus eintreten, wenn die Mannschaft Pech im Abschluss hat oder die Gegner übermäßig viele Torchancen ausnützen. Dies kann mittels des PDO gemessen werden, dessen Mittelwert aller Teams bei 1 liegt. Unter 1 bedeutet, dass die Mannschaft ihre Chancen schlechter ausnützt als ihre Gegner, wahrscheinlich also Pech hat. Ein Wert über 1 bedeutet dementsprechend wahrscheinlich eine Glückssträhne, die meist nicht lange andauert.

Über die ganze Saison gesehen liegt Sturm tatsächlich am Ende dieser Wertung, nämlich bei 0,96. Das ist allerdings kein Wert, der auf besonders viel Pech hinweisen würde (das wäre in etwa bei Werten unter 0,9 der Fall). Im Frühjahr ist zudem der Wert sogar etwas gestiegen, womit Sturm in diesen sechs Spielen nicht mehr den niedrigsten Wert aller Teams hat (den hat dort die Admira mit 0,91). Die Ergebnisse nur auf Pech oder Zufall zu schieben, ist also nicht ganz zutreffend.

Woher kommt aber diese Differenz zwischen relativ guten Leistungsdaten und schwachem Abschneiden bei Toren und Punkten? Dafür unternehmen wir einen kleinen Ausflug in die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wir nehmen die abgegebenen und zugelassenen Schüsse und errechnen, wie viele Tore bzw. Gegentore dadurch fallen hätten sollen und wie hoch die Wahrscheinlichkeit für die tatsächlich gefallenen Tore ist (Graphik 3). Dabei kontrollieren wir nicht für Schussqualität, sondern gehen von einer uniformen Verwertungswahrscheinlichkeit von 11% (eins dividiert durch neun) für jeden Schuss aus.

Graphik 3: Torwahrscheinlichkeiten in den sechs Frühjahrsspielen; tatsächliche Toranzahl jeweils rot markiert.

Die Erwartungswerte, also die Zahl, wie viele Tore und Gegentore hätten fallen sollen, sind dementsprechend einfach zu ermitteln: Man dividiert einfach die Zahl der abgegebenen und zugelassenen Schüsse durch die Torwahrscheinlichkeit, also durch ein Neuntel. Bei 90 abgegebenen und 64 zugelassenen Schüssen kommen wir also zu einer erwarteten Tordifferenz von 10:7. Sturm hätte also sowohl mehr Tore erzielen als auch erhalten sollen. Die Wahrscheinlichkeit der tatsächlichen Tore ist vor allem bei den erzielten Toren sehr niedrig (0,5%), aber so etwas kommt vor.

Angesichts des erwarteten Nutzens erzielter und erhaltener Tore kann man daraus errechnen, dass Sturm angesichts seiner Schussdaten bei ziemlich genau acht Punkten aus den sechs Frühjahrspartien stehen sollte. Das sind zwar zwei mehr als tatsächlich, allerdings auch nicht besonders viele. Wenn man diese zwei mehr hätte (also beispielsweise die Spiele gegen Rapid und Mattersburg nicht verloren, sondern remisiert), läge man bei 37 Punkten, also genau beim Erwartungswert nach der Punkteprognose. Damit lässt sich schlussendlich festhalten, dass Sturm so spielt, wie es eben kann.

Schließlich könnte man noch über die Verantwortung des Trainers diskutieren. Wie ich in einem anderen Beitrag gezeigt habt, holt sein Team regelmäßig mehr Punkte als erwartet, was ja unter anderem in einem unerwarteten Meistertitel gipfelte. Dass in dieser Saison bisher zwei Punkte weniger als erwartet geholt wurden, ändert diese Bilanz nicht wirklich, vor allem da die Punkteausbeute ja im Erwartungsbereich liegt. Das heißt nicht, dass der Trainer über der Kritik stehen sollte (vor allem, da diese Auswertung ja nur Punkte berücksichtigt, und nicht andere Dinge wie taktische Weiterentwicklung, Attraktivität der Spielweise oder den Einbau von Jugendspielern, was ebenso zu den Aufgaben eines Cheftrainers gehört). Sturm ginge mit einer Trainerentlassung allerdings ein großes Risiko ein. Erstens ist der Kreis an Trainern, die schon gezeigt haben, dass sie regelmäßig mehr aus ihren Mannschaften herausholen (zum Beispiel Canadi und Lederer) und die für Sturm verfügbar sind, eher klein. Zweitens müssen diese auch zur Weiterentwicklung der Mannschaft befähigt sein, wofür man nie die Garantie hat. Drittens wäre eine Freistellung Fodas ein Jahr vor seinem Vertragsende aufgrund der Gehaltsfortzahlung auch ein kostspieliges Unterfangen für den Klub, der gerne auch die wirtschaftlich schwierigen Rahmenbedingungen als Grund für das sportliche Hinterherhecheln hinter den drei anderen großen Klubs angibt.

Samstag, 27. Februar 2016

Was Heimo Pfeifenberger beim WAC verbesserte

Das Problem Didi Kühbauers als Trainer des WAC in den Spielen letzten Herbst war, dass sich sein Team zwar recht gute Einschussmöglichkeiten erspielte, insgesamt jedoch nur unterdurchschnittlich viele davon nützte. Für elf Tore benötigte man 202 Schüsse, was einem Verwandlungsanteil von lediglich knapp über 5% entspricht. Das ist nur halb so hoch wie bei einem durchschnittlichen Bundesligateam, der Erwartungswert bei so vielen Schüssen liegt dementsprechend bei über 22 Toren. Unter Pfeifenberger stieg der Anteil der verwandelten Schüsse auf gut 8%, was immer noch niedriger als im Schnitt ist, aber schon in Richtung des Normalwerts geht. Dieses Phänomen ist als Regression zum Mittelwert bekannt und kein Verdienst des neuen Trainers, sondern tritt bei steigender Datenmenge im Normalfall automatisch auf.

Allerdings gibt es auch das gegenteilige Phänomen. Unter Kühbauer erhielt der WAC 22 Gegentore aus 200 Schüssen, also so viele, wie er auch hätte erzielen sollen. Unter Pfeifenberger hat das Team in sieben Spielen 92 Schüsse zugelassen, jedoch nur fünf Tore bekommen (~5%, und drei davon ironischerweise im Auswärtsspiel bei Rapid, als man als Auswärtsteam die klar besseren Tormöglichkeiten hatte). In dieser Hinsicht ist der Wert unter Pfeifenberger offensichtlich noch von der niedrigen Fallzahl verzerrt, es ist also zu erwarten, dass er den Gegentorschnitt nicht halten wird. Jedoch ist wie dargelegt auch noch mit steigenden erzielten Toren zu rechnen, was sich im Abstiegskampf als Vorteil erwiesen könnte.
 
Team
Eigene Schüsse verwandelt
(in Prozent)
Gegnerische Schüsse verwandelt
(in Prozent)
Admira
11,07
11,26
Altach
11,97
10,15
Austria
11,35
12,88
Grödig
10,77
10,36
Mattersburg
13,15
11,56
Rapid
16,33
9,66
Ried
8,47
11,29
Salzburg
12,03
11,52
Sturm
7,91
10,98
Wolfsberg
6,49
9,25
Die Tabelle zeigt an, wie viele Schüsse jedes Team der Bundesliga prozentuell bisher verwandelt hat sowie wie viele davon gegen jedes Team verwandelt wurden. Wie wir sehen, steht der WAC in beiden Wertungen ganz unten (nicht nur aufgrund der alphabetischen Reihung). Er verwandelte sowohl die wenigsten Schüsse in Tore, erlitt aber auch prozentuell nur am wenigsten Tore aus den zugelassenen Schüssen. Wie bereits erklärt, ist in Zukunft also mit einem Anstieg sowohl der Tore als auch der Gegentore in Relation zu den Schüssen zu rechnen.

Es gibt allerdings einen Aspekt, in dem sich der WAC unter dem neuen Trainer tatsächlich verbessern konnte. Zuerst vergleichen wir jedoch die nackten Schussstatistiken unter den beiden Trainern mittels des Boxplots in Graphik 1. Sie zeigen an, wie viele Schüsse in den Spielen der bisherigen Saison unter den beiden Trainern jeweils abgegeben beziehungsweise zugelassen wurden. Die schwarzen horizontalen Striche in den blauen Boxen geben die Medianwerte an, die weißen Kreise die Mittelwerte. 

Graphik 1
Wie wir sehen, sind bei den Schüssen insgesamt die Werte unter Pfeifenberger nach oben geschnellt; es wurden sowohl mehr Schüsse abgegeben (2,5 pro Spiel) als auch zugelassen (0,5). Die Veränderungen sind im Offensivspiel also eklatanter und erklärt im Zusammenhang mit der oben angesprochenen etwas verbesserten Verwertung der Schüsse den fast doppelt so hohen Torschnitt unter Pfeifenberger. Dass sich auch der Gegentorschnitt massiv verbesserte, ist hingegen beinahe ausschließlich auf die nach unten gerasselte gegnerische Chancenauswertung zu schieben, also keine nachhaltige Verbesserung.

Worin sich die Mannschaft in den sieben Spielen jedoch entschieden verbessern konnte, sind die Schüsse aus der sogenannten Gefahrenzone (Danger Zone). Diese besteht aus dem Torraum sowie dem Bereich des Strafraums, der durch die gedachte Verlängerung der kurzen Seiten des Torraums bis zur Strafraumlinie und diese selbst begrenzt wird (siehe diese Visualisierung). Schüsse aus dieser Zone haben eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit, ins Tor zu gehen (Anmerkung: Elfmeter werden ausgenommen und separat behandelt). Während von allen Schüssen in etwa elf Prozent im Tor landen, sind es bei Schüssen aus der Gefahrenzone bei allen Teams in der bisherigen Saison knapp 21%, also fast doppelt so viele. In diese Zone zu kommen und dort Abschlüsse zu verbuchen beziehungsweise den Gegner davon abzuhalten ist also von immenser Bedeutung.

Graphik 2
Graphik 2 repliziert die erste Graphik, berücksichtigt allerdings nur diese Schüsse aus der Gefahrenzone. Wie wir sehen, hat der WAC unter Pfeifenberger im Schnitt sowohl mehr Schüsse in dieser Zone abgegeben als auch weniger zugelassen als unter seinem Vorgänger. Man gibt pro Spiel etwa 1,8 dieser Schüsse ab und lässt circa 1,1 weniger zu. Wenn man die Erfolgswahrscheinlichkeit dieser Schüsse berücksichtigt, sind das in der bisher kurzen Amtszeit Pfeifenbergers fast drei erwartete Tore mehr (+2,6) und fast zwei erwartete Gegentore weniger (-1,66). In diesem Zusammenhang kann man also von einer tatsächlichen Verbesserung sprechen.

Natürlich ist die Fallzahl noch relativ gering, da der WAC erst sieben Spiele unter Pfeifenberger absolvierte. Deshalb sollte man Durchschnittswerte nicht überinterpretieren, und die Unterschiede sind weder im Fall der insgesamt abgefeuerten Schüsse noch in jenem der Schüsse aus der Gefahrenzone ausreichend statistisch signifikant. Allerdings spielte der WAC in diesen sieben Spielen bereits gegen die vier stärksten Teams der Liga (zweimal davon auswärts) und konnte in diesen auch immerhin fünf Punkte holen. Die Verbesserung resultiert also sicherlich nicht nur aus der Tatsache, dass man es mit schwächerer Konkurrenz zu tun gehabt hätte.

Die Veränderung drückt sich auch in relationalen Zahlen aus. Die Total Shot Ratio, also die Metrik, die die eigenen abgegebenen Schüsse in Relation zur Summe der abgegebenen und zugelassenen Schüsse setzt, war bereits unter Kühbauer besser als bei einem Abstiegskandidaten (0,50) und verbesserte sich marginal unter Pfeifenberger (0,54). Die Danger Zone Shot Ratio, die also gleich funktioniert, jedoch nur Schüsse aus der Gefahrenzone berücksichtigt, ist jedoch nach oben geschnellt und beträgt unter Pfeifenberger 0,66 (im Vergleich zu 0,51 unter Kühbauer, der Unterschied ist zudem statistisch signifikant auf dem 95%-Level). Unter Kühbauer machten diese besonders aussichtsreichen Schussmöglichkeiten knapp 37% aller insgesamt abgegebenen Schüsse aus; unter Pfeifenberger stieg der Wert noch einmal auf über 42% an.

Ob das anhält, ist jedoch zweifelhaft; der Wert ist bereits zu gut, um wahr zu sein. Wie Graphik 3 anzeigt, wäre der WAC mit einer DZSR  von 0,66 das beste Team der gesamten Liga. Wahrscheinlich wird also diese Kennzahl in den nächsten Spielen wieder etwas zurückgehen, allerdings war der WAC bereits unter Kühbauer in der besseren Tabellenhälfte dieser Wertung. Man kann also davon ausgehen, dass die Mannschaft insgesamt zu gut für den Abstieg ist.

Graphik 3

Dienstag, 1. Dezember 2015

Wolfsberg war nicht so schlecht, wie es der Tabellenplatz aussagte

Der letzte Tabellenplatz sei ausschlaggebend gewesen für den Trainerwechsel, sagte WAC-Präsident Riegler zu dessen Gründen. Man habe nicht so schlecht gespielt, letztlich aber die Ergebnisse nicht eingefahren und deshalb auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Das Ruder herumzureißen und wieder bessere Ergebnisse einzufahren, traute man Coach Kühbauer nicht mehr zu, weshalb er durch Heimo Pfeifenberger ersetzt wurde. Diese Entscheidung scheint durch den klaren Sieg bestätigt zu werden. Was allerdings nach Trainereffekt aussieht, ist vielmehr ein typisches Beispiel der Regression zur Mitte, gleichermaßen für Wolfsberg wie für die Admira. Wie einige Zahlen zeigen, waren die Ergebnisse der Kärntner schlechter, als sie aufgrund der gezeigten Leistungen sein sollten, holte die Admira weit mehr Punkte als man aufgrund ihrer Leistungsdaten erwarten sollte. Solche Glücks- oder Pechsträhnen tendieren dazu, nicht besonders nachhaltig zu sein und nach einiger Zeit wieder zu enden, wonach sich die Ergebnisse wieder im Bereich ansiedeln. 

Die erste Graphik zeigt die Teams der Liga gemäß ihrer bisherigen Schussstatistiken. Schüsse und ihre Qualität sind einer der wichtigsten Prädikatoren zukünftiger Leistungen, weshalb diese Analyse am meisten über das bisherige Leistungsniveau der Klubs, unabhängig von Toren und Punkten, aussagen kann. Das linke Diagramm vergleicht alle abgegebenen und zugelassenen Schüsse der zehn Vereine, während das rechte nur diejenigen aus der Gefahrenzone (bis zur Strafraumlinie verlängerter Fünfmeterraum) berücksichtigt, die eine weit höhere Wahrscheinlichkeit haben, im Tor zu landen, und deshalb besonders wertvoll sind (siehe auch mein letztmonatiger Beitrag zum Thema Schusslokalisierung, in dem ich übrigens bereits einmal den Klassenerhalt des WAC prophezeite). Berücksichtigt wurden nur die ersten 16 Runden der Liga (also vor dem Trainerwechsel). Die vertikalen und horizontalen Linien zeigen ligaweite Durchschnittswerte an, die Daten des WAC sind jeweils rot hervorgehoben.

Graphik 1
Bei allen abgegeben Schüssen ist Wolfsberg ein ziemlicher Mittelständer. Man gibt knapp unterdurchschnittlich viele Schüsse ab, lässt allerdings auch weniger zu als das durchschnittliche Bundesligateam. Aus der linken Graphik lässt sich ablesen, dass der WAC bislang in etwa am fünftbesten spielte. Bei den Schüssen aus der Gefahrenzone ist der Befund etwas differenzierter. Hier zeigt Wolfsberg unter Kühbauer vor allem defensive Schwächen und lässt die viertmeisten Schüsse zu. Allerdings war man auch in dieser Hinsicht offensiv stark und liegt über dem Ligaschnitt. Es zeigt sich also, dass Wolfsberg keinesfalls das schlechteste Team der Liga ist, also zu Unrecht am Tabellenende steht. Natürlich ist Fußball generell ein ungerechter Sport, allerdings sind noch genug Spiele zu absolvieren, in denen die Ergebnisse sich weiter den Leistungen anpassen können.

Graphik 2
Dennoch steht der WAC hinten drinnen und rittert gegen den Abstieg, der wohl auch die Admira, Grödig und Altach bedroht (Mattersburg wird es dieses und nächstes Jahr nicht erwischen, wenn das bisherige Muster der Aufsteiger anhält). Wie performte das Team allerdings im Vergleich mit den direkten Konkurrenten während Kühbauers Amtszeit? Es könnte ja sein, dass auch die Konkurrenz hauptsächlich unter den eigenen Möglichkeiten spielte und Wolfsbergs "Vorteil"dementsprechend keiner wäre. Die Antwort darauf geben die Graphiken 2 und 3. Diese zeigen den Längsschnittsverlauf der beiden Leistungsindikatoren STR und TSR der vier am Abstiegskampf beteiligten Klubs, jeweils in den Vereinsfarben. In beiden Fällen zeigt sich, dass der WAC von den vier Teams ab Runde sechs, also sobald die Daten eine gewisse Aussagekraft haben, immer das beste oder zweitbeste Team war. Bei der TSR lag man sogar als einziges Team knapp im positiven Bereich. Es ist auch bei beiden kein klarer Trend nach oben oder unten zu beobachten, die Leistungen der Lavanttaler stagnierten also weitgehend nach Runde neun. Die Unterschiede zwischen den Teams sind zwar auf den ersten Blick marginal, können im Laufe des Abstiegskampfes, in dem einzelne Tore meisterschaftsentscheidende Bedeutung haben können, große Auswirkungen haben.

Graphik 3
Warum also lag und liegt der WAC also ganz unten in der Tabelle? Diese Frage beantwortet Graphik 4. Sie zeigt den zeitlichen Verlauf des PDO-Werts der Kärntner. Er liegt während der ganzen Saison konstant und relativ weit unter 1 (bzw. 1000), also schlechter als der Ligaschnitt. Dies zeigt an, dass die Anzahl an eigenen Schüssen, die ins Tor gehen, niedriger ist als die der gegnerischen. Ob das an Pech oder Zufall liegt oder eher tiefergehende Ursachen hat, kann nicht abschließend gesagt werden. Die Tatsache, dass Wolfsberg allerdings ganz gute Torchancen herausspielt, wie Graphik 1 zeigt, und nicht allzu viele davon zulässt, weist jedoch durchaus darauf hin, dass bei der Entstehung der bisherigen Ergebnisse Pech eine durchaus nicht vernachlässigbare Rolle gespielt hat. Diese Rolle wird mit der steigenden Anzahl der Spiele schrumpfen, was zwar nicht heißt, dass ein Abstieg der Kärntner unmöglich ist, aber doch weit weniger unausweichlich, als man den Äußerungen des Präsidenten glauben könnte.

Graphik 4
Wolfsberg wäre in der Tabelle wohl wieder nach oben geklettert, ob mit oder ohne Trainerwechsel. Die Schussdaten der Kärntner sind zu stark, als dass sie die gesamte Ligasaison hindurch gegen den Abstieg spielen müssten. Umgekehrt stehen Grödig und der Admira noch schwere Zeiten bevor. Wie allerdings Didi Kühbauer nicht allzu viel Anteil am letztjährigen Höhenflug des WAC hatte (damals stand man beispielsweise bei einem PDO von 1150, nachdem man in Runde 8 die Tabellenführung übernommen hatte), so kann man ihm auch den Negativlauf bis zu seiner Entlassung nicht besonders vorwerfen. Er wurde also für Dinge gefeuert, die weitgehend außerhalb seines Einflussbereiches waren. Und das ist tatsächlich ein Problem.

Samstag, 17. Oktober 2015

Schusslokalisierungen: Eine erste Annäherung

Um Tore zu erzielen, muss man den Ball auf das Tor schießen. Eine recht triviale Einsicht, die jedoch einigen Raum für weitergehende Analysen lässt. Zum Abschluss zu kommen ist ein guter Indikator, um die Leistung eines Teams einzuschätzen, sowohl in einzelnen Spielen als auch über einen längeren Zeitraum gesehen. Modelle, die Mannschaften aufgrund ihrer abgegebenen und zugelassenen Schüsse einschätzen, sind, wie viele Untersuchungen gezeigt haben, valider als solche die auf einfachen Statistiken wie Toren oder Punkten basieren. Methoden basierend auf Leistungsindikatoren wie TSR, STR und xG (Expected Goals) werden zunehmend herangezogen, um die Leistung von Teams unabhängig von den nackten Ergebnissen zu beurteilen und mögliche Divergenzen zwischen den sportlichen Leistungen und dem Abschneiden in der Tabelle zu erklären.

Nach knapp einem Drittel der Meisterschaft lügt die Tabelle natürlich noch (sie tut es aus statistischer Sicht gesehen auch noch nach 36 Runden, aber das sei einmal dahingestellt) in dem Sinn, dass Glück und Zufall beim Zustandekommen der Ergebnisse, die zur derzeitigen Konstellation führten, wahrscheinlich eine nicht vernachlässigbare Rolle gespielt haben. Die Tabelle bildet daher unter Umständen die wahre Leistungsstärke der Teams nur unzureichend ab. Eine Analyse der Schussstatistiken, ihrer Häufigkeiten und ihrer Lokalisierung ist deshalb dazu geeignet, sich der wahren Performance der Teams anzunähern und etwaige Unterschiede zwischen Leistung und Punkten aufzuzeigen. Zusätzlich kann darauf eingegangen werden, was die bisher erfolgreichen Teams gut gemacht haben und wobei es bei den derzeitigen Nachzüglern hapert.

Bereits vor einigen Wochen, nach neun Runden, also dem Viertel der Meisterschaft, habe ich auf Twitter einige Statistiken verbreitet, wozu auch Schussstatistiken zählten. Eine der überraschendsten Erkenntnisse damals war, dass sowohl TSR als auch STR Sturm Graz als bestes Team der Liga auswiesen, was wohl sehr viele Zuseher eher bezweifeln würden (mittlerweile hat Salzburg die beste TSR der Liga, bei der STR liegt aber weiterhin Sturm in Front). Sturm profitierte dabei vor allem von der starken Defensive, die ligaweit die mit Abstand stärkste war, was Schussstatistiken betrifft. So hatte man in den ersten neun Runden nur je drei Schüsse aufs Tor pro Spiel zugelassen; im Spiel nach vorne hatte man jedoch gegenüber Salzburg das Nachsehen. Auf der anderen Seite war auffallend, dass Admira und Altach die ungefährlichsten Teams der Liga waren und als einzige keine dreistellige Anzahl an Schüssen abgegeben hatten. Der Unterschied in der Tabelle zwischen diesen beiden Teams ist also bemerkenswert, umso mehr als sie sich in Bezug auf die zugelassenen Schüsse nicht grob voneinander unterschieden. Ebenfalls von Interesse waren die Daten von Aufsteiger Mattersburg, das bei der offensiven Produktion recht ordentlich abschnitt, defensiv jedoch das Scheunentor der Liga war und in den ersten neun Runden im Schnitt mehr als sechs Schüsse aufs Tor zuließ (die Daten haben sich angesichts zweier eher desolater Spiele in den folgenden Runden nicht verbessert).

Seitdem sind die Befunde nicht gravierend anders geworden, haben sich allerdings ein wenig verschoben. Graphik 1 zeigt mit aktuellen Daten den Zusammenhang zwischen abgegebenen Schüssen und erzielten Toren. Salzburg ist weiterhin vor Sturm das Team mit den meisten abgegebenen Schüssen, die Admira ist weiterhin Schlusslicht in dieser Kategorie. Altach hingegen hat stark aufgeholt und nähert sich bereits den beiden Wiener Großklubs an.

Graphik 1

Die Graphik erlaubt auch, die Schussverwandlungsrate der Teams abzulesen und zu vergleichen. So hat beispielsweise Schlusslicht Wolfsberg insgesamt zwei Schüsse mehr als Tabellenführer Rapid abgegeben, jedoch weit weniger davon im Tor utnergebracht. Altach wiederum hat gleich viele Tore wie Sturm Graz erzielt (zwölf), allerdings dafür 38 Schüsse weniger gebraucht. 

Das Problem daran ist, dass die Rate, mit der Schüsse in Tore umgewandelt werden, für Teams alles andere als stabil ist. Insgesamt endeten knapp 11% der Schüsse als Tore, was ein erwartbarer Wert ist. Einzelne Teams weichen derzeit noch von dieser Rate ab, werden sich ihr wahrscheinlich im Laufe der Saison noch annähern, zum Guten und zum Schlechten. So ist es beinahe unmöglich, dass die Admira ihre Rate von 16,5% über die gesamte Saison beibehalten wird können. Sobald sie auf einen realistischeren Wert sinkt, wird auch der Höhenflug in der Tabelle wahrscheinlich ein Ende haben und die Admira nach unten rutschen. Auch Mattersburg, Rapid und mit Abstrichen die Austria sind von einem ähnlichen Abfall bedroht. Ried (5%), Sturm (7%) und Wolfsberg (4%) hingegen können darauf hoffen, dass sich die Regression zum Mittelwert im Laufe der restlichen Saison in der Tabelle zu ihren Gunsten auswirken wird. Die sonstigen Teams Altach, Grödig und Salzburg liegen in etwa dort, wo ein durchschnittliches Team bezüglich Schussverwandlungsrate erwartungsgemäß liegen würde, mit etwas Luft nach oben für Altach und nach unten für die beiden Salzburger Klubs.

Die bisherigen Überlegungen behandelten alle Schüsse gleich, ganz gleich, von wo sie abgegeben wurden. Nun ist allerdings offensichtlich, dass diese Annahme verzerrt ist. Ein Schuss aus vierzig Metern nahe der Seitenlinie ist was Gefährlichkeit für das gegnerische Tor, also die Wahrscheinlichkeit, zum Erfolg zu führen, betrifft doch wesentlich anders einzuordnen als ein Schuss knapp vor dem Tor aus zentraler Position. Basierend auf diesen Annahmen und weiteren Parametern (beispielsweise ob Schuss mit dem Kopf oder dem Fuß, Art des Assists, etc.) weisen xG-Modelle jedem Schuss eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu, im Tor zu landen. 

Ich setze ein ähnliches, jedoch etwas simpleres Verfahren ein und unterscheide lediglich zwischen Schüssen von innerhalb der Gefahrenzone und von außerhalb. Die Gefahrenzone ist ein Teilbereich des Strafraums und besteht aus dem Torraum sowie dem Raum, der von einer gedachten Linie von den Längsseiten des Torraums bis zur Strafraumlinie sowie von dieser selbst umschlossen wird. Schüsse aus dieser Zone haben naturgemäß eine weit höhere Erfolgswahrscheinlichkeit als solche von außerhalb derselben (im Fall der bisherigen elf Runden liegt dieser bei über 20%). Je mehr Schüsse ein Team innerhalb dieser Zone abgibt, desto besser Erfolgsaussichten hat es also. Gleichzeitig kann dies als ein Qualitätsindikator angesehen werden, da diese Zone naturgemäß am stärksten verteidigt wird, es also besonders schwierig ist, dort zum Abschluss zu kommen. Umgekehrt sind Mannschaften niedriger einzuschätzen, je mehr Abschlüsse sie in dieser Zone zulassen.

Graphik 2 zeigt die Summe der Schüsse aus der Gefahrenzone, sowohl die der abgegebenen (x-Achse) als auch die der zugelassenen (y-Achse). Die schwarze vertikale sowie horizontale Linie zeigt den Durchschnitt aller Teams an (~48). Teams rechts der vertikalen Linie sind also offensiv überdurchschnittlich gut, Teams unterhalb der horizontalen Linie wiederum verteidigen die Gefahrenzone besonders gut. Die objektiv besten Mannschaften finden sich also im rechten unteren Eck, die schwächsten demgemäß im linken oberen. Teams in den anderen beiden Vierecken haben unterschiedliche Probleme.

Graphik 2

Wenig überraschend ist, dass sich im linken unteren Feld die vier Teams befinden, die man landläufig für die besten vier der Liga hält. Während Salzburg das offensiv beste Team der Liga ist und etwa gleich gut verteidigt wie Sturm und die Austria, ist Rapid am stärksten darin, den Gegner von der Gefahrzone fernzuhalten. Allerdings ist Rapid offensiv nur die viertbeste Mannschaft der Liga. Sturms Stärke in der Defensive, die man von nackten Schussdaten sowie TSR und STR ablesen kann, wird durch diese Auswertung wiederum etwas relativiert; in den neuralgischen Zonen funktioniert die Verteidigung nicht so einwandfrei wie man insgesamt vermuten könnte. Die Austria ist wiederum in beiden Bereichen noch überdurchschnittlich gut, allerdings unter den Top Vier eindeutig die schwächste Mannschaft. 

Am gegenüberliegenden Rand des Spektrums finden sich drei Teams, die punktemäßig bislang höchst unterschiedlich abschnitten, die man allesamt aber eher am unteren Ende des Leistungsspektrums einschäzen konnte. Grödig und Ried finden sich leistungsmäßig in etwa auf demselben Level, wobei Grödig defensiv und Ried offensiv etwas besser ist. Die wahre Überraschung ist jedoch die Admira, die insgesamt das wohl schwächste Team der Liga ist. Wie ich bereits vor einiger Zeit in einem Tweet darlegte, ist der punktemäßige Höheflug der Admira wohl kaum ein Indikator guter Leistungen und wird auch kaum noch lange anhalten.

In der Mitte der Graphik finden sich zwei Teams, die ziemlich durchschnittliche Leistungen brachten, allerdings derzeit zumindest weit hinten in der Tabelle stecken. Altach ist das einzige Team, das offensiv unterdurchschnittlich und gleichzeitig defensiv überdurchschnittlich gut ist. Man lässt nicht viel zu, kreiert allerdings auch nicht allzu viel. Wolfsberg wiederum spielt zumindest dieser Auswertung nach alles andere als wie ein Abstiegskandidat. Man stellt die fünftbeste Offensive der Liga und liegt in dieser Hinsicht noch vor der Wiener Austria. Defensiv liegt man nur knapp schwächer als der Ligadurchschnitt und lässt vier andere Teams teilweise deutlich hinter sich. Das legt nahe, dass das Abschneiden in der Tabelle tatsächlich zu einem nicht unbedeutenden Teil vom vielbeschworenen Abschlusspech beeinflusst wird. Der niedrigste PDO der Liga weist jedenfalls auch in diese Richtung. 

Generell weisen die Beobachtungen, also die einzelnen Teams, einen indirekt proportionalen Zusammenhang auf: Je mehr Schüsse aus der Gefahrenzone eine Mannschaft abgibt, desto weniger lässt sie tendenziell auch zu. Offensivstarke Teams sind also in der Regel auch defensivstark und vice versa. Die Daten von neun der zehn Teams könnte man anhand einer linearen Trendlinie relativ gut vorhersagen. Lediglich Mattersburg ist in Graphik 2 ein deutlicher Ausreißer. Offensiv ist der Aufsteiger auf einer Höhe mit den Europacupstartern Rapid und Sturm, defensiv ist man hingegen das schwächste Team der Liga. Die Frage ist, ob sich dieses riskante Spiel auf Dauer auszahlen wird oder ins Auge gehen wird. Auf jeden Fall spielt Mattersburg diese Saison auf des Messers Schneide.

Die Gründe für dieses seltsame Bild der Mattersburger Schussstatistiken sind unklar und können sowohl taktischer als auch qualitativer Natur sein. Graphik 3 gibt zum Abschluss einen Hinweis darauf, der zumindest die gute Offensivdaten der Burgenländer miterklären könnte. Sie zeigt die Teams geordnet nach dem Prozentsatz aller Schüsse, die innerhalb der Gefahrenzone abgegeben wurden.

Graphik 3

Die Burgenländer liegen dabei eindeutig und mit Abstand an der Spitze der Wertung. Beinahe die Hälfte ihrer Schüsse geben sie aus der besonders gefährlichen Zone ab. Das heißt auch, dass sie Ballbesitz nicht mit wahrscheinlich ungefährlichen Schüssen vergeuden, auf die unter Umständen noch ein gefährlicher Gegenstoß folgen könnte. Hervorragend in dieser Auswertung schneiden auch Rapid und wiederum Wolfsberg ab, was erneut darauf hinweist, dass die Lavanttaler noch aus dem Keller kommen können, wobei diese Statistik selbst natürlich kein besonders tauglicher Qualitätsindikator ist. Die nächsten vier Teams im Ranking wiederum liegen recht nahe beieinander, etwa um ein Drittel. Am Ende wiederum finden sich jene drei Teams, die auch in Graphik 2 bereits schlecht abschnitten. Ried, Grödig und die Admira haben augenscheinlich nicht nur Probleme beim Kreieren eigener Chancen und dem Verhindern gegnerischer, sondern verschwenden auch viel Zeit, Energie und Ballbesitz mit Torschussversuchen aus wenig aussichtsreichen Positionen.

Abschließend stellt sich die Frage, wie diese Daten zu interpretieren sind, beziehungsweise was sie über den restlichen Verlauf der Meisterschaft aussagen können. Zwar sind sie keine determinativen Predikatoren der weiteren Ergebnisse, allerdings ist durchaus zu erwarten, dass sich Ergebnisse von in Schussdaten positiv abschneidenden Teams noch verbessern, während Klubs mit schwachen Statistiken eher in der Tabelle nach unten gereicht werden können. Es gibt daher einige Konklusionen, die man aus den oben präsentierten Daten ziehen kann:

  • Der Titelkampf bleibt weiterhin ein Rennen auf Augenhöhe zwischen Rapid und Salzburg. Während Salzburg bei allen Schüssen insgesamt besser abschneidet, hat Rapid bei den Schüssen aus der Gefahrenzone leicht die Nase vorne.
  • Sturm sollte sich auf jeden Fall in den Europacupplätzen einreihen können. Die Austria muss sich hingegen weiter steigern.
  • Bei Mattersburg kann der Pfeil in den kommenden Wochen in beide Richtungen zeigen.
  • Die Admira wird nicht mehr lange so weit oben stehen. Die bereits gesammelten Punkte sind jedoch natürlich ein Trumph im Abstiegskampf.
  • In diesem sehe ich mittelfristig vor allem Ried und Grödig, bei denen sowohl Ergebnisse als auch die Leistungen bisher mit die schwächsten waren.
  • Altach und Wolfsberg werden die Klasse halten können.

Dienstag, 21. April 2015

Kurzgeschichte: Die Wiener Austria unter Andreas Ogris

Natürlich ist es für ein abschließendes Urteil nach drei Ligaspielen noch zu früh. Dennoch hat ein Zwischenfazit insofern Sinn, als ein neuer Trainer durchaus in gewissen Aspekten sofort für Veränderungen im Spiel seiner Mannschaft sorgen kann. Zwar ist der vielzitierte Trainereffekt kein Automatismus, allerdings zeigen sich neue Ansätze in Details durchaus schon nach wenigen Spielen.

Die Daten reflektieren tatsächlich bereits einen signifikanten Wandel im Spiel der Wiener Austria in den drei Spielen unter der Regie von Interimscoach Ogris (siehe Graphik 1). Zu beachten ist dabei, dass die Daten der drei Spiele unter Ogris natürlich noch mehr von den Gegnern, gegen die gespielt wurde, beeinflusst werden. So ist es kaum verwunderlich, dass die Austria gegen den generell eher reaktiv agierenden WAC auf überdurchschnittlich viele Pässe kam (485), während gegen das Salzburger Pressing oft auf lange Bälle gesetzt wurde, was eine dementsprechend etwas niedrigere Passquote (68%) zur Folge hatte. Bei nur drei Spielen können solche Eigenheiten die Durchschnittswerte stärker beeinflussen als bei einer größeren Stichprobe. 

Die gespielten Pässe pro Spiel sowie die Passquote unterscheiden sich kaum voneinander (die jeweils linke Säule in Graphik 1 repräsentiert den Mittelwert unter Baumgartner, die rechte dementsprechend den unter Ogris). In beiden Kategorien kam die Austria unter Baumgartner auf leicht höhere Werte, die Unterschiede sind jedoch minimal und dementsprechend in der Beurteilung zu vernachlässigen.

Wo sich jedoch gewaltige Differenzen zeigen, ist bei den Flanken. Seit Ogris am Werk ist, schlägt die Austria mehr als doppelt so viele Flanken pro Spiel als noch unter Baumgartner. Mit anderen Worten: Von den insgesamt 400 geschlagenen Flanken in dieser Saison wurden 77 (dies entspricht 19,25%) unter Ogris abgegeben, obwohl er nur in 10,34% der Spiele Cheftainer war.


Graphik 1

Die Unterschiede zwischen beiden Perioden zeigen sich noch deutlicher, wenn man die Anzahl der Flanken auf die Anzahl der gespielten Pässe standardisiert (Graphik 2). Von 100 gespielten Pässen unter Baumgartner waren nur knapp drei Flanken, unter Ogris hingegen mehr als sechs.

Graphik 2

Das Problem mit dem Spiel, das sich auf Flanken fokussiert, ist, dass Flanken sehr ineffiziente Mittel sind, um Gefahr zu kreieren. Selbst die genauesten Spieler in dieser Hinsicht bringen nur etwa ein Viertel der Flanken an den eigenen Mann (man vergleiche dies mit der allgemeinen Passquote von etwa 70%). Und selbst wenn sie nicht von der gegnerischen Abwehr geklärt werden, sind sie schwiergier weiterzuverarbeiten beziehungsweise ins Tor zu bringen als Flachpässe.

Dementsprechend ist auch eher nicht zu erwarten, dass es der Austria gelingt, unter Ogris mehr Gefahr zu erzeugen als unter Baumgartner. Graphik 3 bestätigt diese Vermutung auch zumindest für die drei bereits absolvierten Spiele. Die Austria schoss vor dem Trainerwechsel pro Spiel etwa zweieinhalbmal öfter in Richtung gegnerisches Tor als danach. Der Unterschied bezüglich der Schüsse, die auch auf das gegnerische Tor gingen, ist zwar geringer (etwa ein Torschuss pro Spiel mehr als unter Ogris), allerdings ist diese Zahl nicht trivial angesichts der oftmals engen Ergebnisse. Ein Schuss mehr oder weniger kann ein Resultat bereits in die eine oder andere Richtung beeinflussen.

Graphik 3

Andererseits wurde dieser Rückgang bei den eigenen Torschüssen dadurch aufgefangen, dass die Austria auch weniger gegnerische Torschüsse zulässt. Während die Gegner unter Baumgartner noch etwa 14 Schüsse pro Spiel abgaben (4,58 davon aufs Tor), ließ sie unter Ogris nur noch elf pro Spiel zu (3,67 aufs Tor). Man konnte sich also defensiv stabilisieren und sich auch in den beiden Indikatoren TSR (von 0,51 auf 0,52) und STR (0,52 auf 0,56) steigern, was auf insgesamt überlegenere Leistungen schließen lässt. Der Rückgang in der offensiven Chancenkreation hatte jedoch zur Folge, dass man in der Liga seit dem Trainerwechsel immer noch sieglos ist. Im Spiel nach vorne hat man also sicher noch Luft nach oben und kann sich verbessern, um enttäuschende Punkteverluste gegen individuell schlechter eingeschätzte Gegner wie Grödig und Wolfsberg zu vermeiden; beispielsweise, indem man etwas seltener Flanken schlägt.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Update und Fazit zu Villarreal gegen Salzburg

Es hat nicht gereicht. Insgesamt war man zwar während fünfzehn Minuten auf Aufstiegskurs, insgesamt bekam man allerdings doch deutlich die Grenzen aufgezeigt. Das Gesamtscore von 5:2 zugunsten von Villarreal zeigt auch, dass ein Aufstieg Salzburgs in die nächste Runde nicht verdient gewesen wäre. 

Auch die Daten, die mit Toren sehr hoch korrelieren, nämlich den Schüssen, zeigte sich Villarreal über beide Partien stärker, weshalb man sich auch durchsetzen konnte. Graphik 1 zeigt, dass Salzburg zwar insgesamt in beiden Spielen öfter in Richtung gegnerisches Tor geschossen hat (24 gegenüber 20), allerdings traf Villarreal das gegnerische Tor häufiger, sowohl absolut (13 gegenüber 9) als auch relativ (65% der abgegebenen Schüsse erreichten das gegnerische Tor, bei Salzburg hingegen nur etwas mehr als halb so viele, nämlich 37,5%).

Graphik 1

Das hängt natürlich auch mit den Schusszonen zusammen. Villarreal gab genau drei Fünftel der Schüsse von innerhalb des gegnerischen Strafraums ab, während es bei Salzburg nur genau die Hälfte waren. Insgesamt ist das zwar angesichts der guten Strafraumverteidigung Villarreals, die im letztwöchigen Porträt ausführlich diskutiert wurde, ein guter Wert, dennoch war es letztlich zu wenig Gefahr, die Salzburg kreieren konnte. Dazu gelang es Villarreal zu oft, in gefährliche Zonen einzudringen und dort zum Abschluss zu kommen. 

Graphik 2 zeigt, wie sich das Schussverhältnis während der gesamten 180 Minuten entwickelte, dargestellt aus der Sicht von Villarreal (Werte über 0,5 zeigen also ein Übergewicht von Villarreal an). Es zeigt sich, dass Villarreal im Hinspiel zu Beginn das Kommando übernahm, und Salzburg bis Minute 26 zu überhaupt keinem Schuss kam. Danach konnte Salzburg das Verhältnis etwas zu seinen Gunsten verändern, ohne allerdings in den positiven Bereich, also unter 0,5 zu kommen. Auf diese leichten Verbesserungen folgte das erste Tor von Villarreal. Darauf folgend konnte Salzburg zwar bei der TSR (total shot ratio) wieder aufholen, allerdings gelang kein einziger Schuss auf das Tor, weshalb die wichtigere, weil aussagekräftigere STR (shot on target ratio) sich zwischen 1:0 und 1:1 nicht veränderte. Der Effekt durch den Ausgleich währte jedoch nicht lange, bereits nach wenigen Minuten und der erneuten Führung durch Cheryshev war man auf ähnlichen Levels wie vor dem Ausgleich. Unmittelbar nach der erneuten Führung folgte eine Drangphase Villarreals, in der beide Metriken noch einmal nach oben gingen. Etwa ab Minute 60 gab sich Villarreal jedoch mit dem Ergebnis weitgehend zufrieden. Salzburg konnte durch einige Abschlüsse die TSR bis zum Abpfiff zwar noch auf 0,5 drücken, die STR blieb jedoch knapp unter 0,7, was eine durchaus starke Dominanz Villarreals ausdrückt.

Graphik 2. Die gestrichelten vertikalen Linien zeigen die Minuten an, in denen die Tore fielen.


Im Rückspiel passierte eine Viertelstunde genau gar nichts, ehe Salzburg mit dem ersten Schuss in Führung ging. Nach diesem Tor konnte Salzburg sogar noch etwas nachlegen, ehe der Ausgleich die Situation verkomplizierte. Wie im Hinspiel beendete Villarreal starke Phasen der Salzburger mit Gegentoren, was die Klasse dieses Teams nur unterstreicht. Nach dem Ausgleich passierte nämlich länger nichts, ehe Salzburg nach einem kurzen Aufflackern der Qualität Villarreals beide Metriken sukzessive nach unten schraubte. Man näherte sich an das Tor, das die Verlängerung bedeutet hätte, mittels Abschlüssen an. Die TSR lag zwanzig Minuten bei 0,44, also niedriger als irgendwann sonst in beiden Partien. Auch die STR konnte auf 0,55 gesenkt werden, was den niedrigsten Wert seit dem Zeitpunkt unmittelbar vor dem 1:0 im Hinspiel darstellt. Wiederum allerdings ging der Schuss nach hinten los; als man kollektiv sehr weit aufgerückt war, spielte Villarreal zwei ihrer präzisen Konter und beendete alle Aufstiegsmöglichkeiten der Salzburger. Diese beiden Abschlüsse korrigierten die Metriken aus Sicht von Villarreal wieder etwas nach oben auf das Niveau, auf dem sie auch nach dem Schlusspfiff zu Liegen kamen (TSR 0,45; STR 0,59).

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass Villarreal über beide Partien gesehen die bessere Mannschaft war. Die STR lag nie unter 0,5 und erst in der letzten halben Stunde des Rückspiels unter 0,6. Salzburg konnte zwar phasenweise recht gut dagegenhalten und vor allem im Rückspiel die Metriken einigermaßen verbessern, machte allerdings einerseits zu wenig aus den eigenen Möglichkeiten, und war andererseits im Anschluss an eigene Möglichkeiten zu anfällig für Gegenstöße, was Villarreal in manchen Situationen leichtes Spiel beim Torerfolg ließ.


Alle Daten von Squawka. Die Graphiken können wie üblich durch Anklicken vergrößert werden.